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Daniel Sammet.
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Daniel Sammet.

Wiesbaden

Psychiater Daniel Sammet sieht Jugendliche „in großer seelischer Not“

  • Madeleine Reckmann
    VonMadeleine Reckmann
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Im Interview mit der FR erklärt ein Kinder- und Jugendpsychiater, warum Jugendliche aus Heimen ausreißen – und oft doch wiederkommen. Hintergrund ist ein Fall in Wiesbaden.

Seit Monaten bewegt der Fall eines 14-Jährigen die Öffentlichkeit, der regelmäßig aus einer Jugendhilfeeinrichtung in Wiesbaden verschwindet und Tage später dorthin zurückkehrt. Die Polizei gibt jedes Mal eine Vermisstenanzeige heraus. Aus Datenschutzgründen kann niemand Auskunft über diesen konkreten Fall geben. Die FR befragt einen Kinder- und Jugendpsychiater zu seinen Erfahrungen mit Kindern und Jugendlichen in vergleichbaren Situationen. Das Gespräch behandelt also die Probleme von Ausreißern und Ausreißerinnen aus Jugendhilfeeinrichtungen im Allgemeinen.

Herr Dr. Sammet, wieso haben Sie als Leiter einer Kinder- und Jugendambulanz für psychische Gesundheit mit Ausreißern zu tun?

In unserer Ambulanz der Vitos-Klinik behandeln wir komplexe psychiatrische Störungsbilder. Davon sind auch Kinder und Jugendliche betroffen, die nicht zu Hause, sondern in Jugendhilfeeinrichtungen leben. Wir arbeiten eng mit der Jugendhilfe und den Einrichtungen zusammen.

Was veranlasst Kinder und Jugendliche, aus einem Kinderheim auszureißen?

Es ist ein starker Eingriff für ein Kind, wenn es nicht zu Hause leben kann. Einerseits könnte es als Entlastung empfunden werden, wenn es etwa Gewalt in der Familie gab, andererseits könnte es auch belastend sein: Die Trennung von den Bezugspersonen ist ein massiver Einschnitt und führt zu Gefühlen wie Traurigkeit, Verzweiflung oder Scham. Die Gründe, warum es nicht bei der Familie leben darf, werden oft nicht verstanden und emotional nicht akzeptiert. Weglaufen kann auch eine gelernte Reaktion sein, wenn es Streit gibt etwa.

Warum kommen die Kinder und Jugendlichen oft zurück?

Das ist typisch. Zuerst flüchten sie aus der belastenden Situation, aus Angst, Ärger, Wut. Lassen die Gefühle nach, kommen sie zurück. In Jugendhilfeeinrichtungen zu sein, kann für die jungen Menschen Stress bedeuten. Die Erzieher und die Mitbewohner sind vielleicht unbekannt. Kommt es zu Konflikten, erleben sie in Gedanken ihre belastenden Lebenserfahrungen noch einmal, das kann Gewalt oder Vernachlässigung in der Familie sein. Ein lauter Streit unter Jugendlichen kann dann Angst machen.

Teilweise ist auch unklar, wie lange die Kinder in der Einrichtung bleiben.

Für eine kindliche Seele ist es sehr belastend, nicht zu wissen wie es weitergeht. Dann kommen Ängste vor Beziehungsverlust hinzu. Hat das Kind die Erfahrung gemacht, dass Bindungen in die Brüche gehen, hat es große Angst davor, Beziehungen wieder zu verlieren. Das ist ein paradox anmutendes Verhalten. Bevor es die Kontrolle über die Situation verliert, macht es die Beziehung zu einem Erzieher oder einer Erzieherin lieber selbst kaputt und haut ab. Das kann ein Test sein. Es ist aber ein positives Zeichen, wenn die Ausreißer in die Einrichtung zurückkehren. Dann haben sie Vertrauen, dass es ein sicherer Ort ist. Die Erzieher und Erzieherinnen in der Einrichtung sollten ihm dann wohlwollend entgegentreten: Schön, dass du da bist. Dann sollten sie gemeinsam Alternativen zum Weglaufen herausfinden.

zur Person

Daniel Sammet (39) ist Leiter der Vitos Kinder- und Jugendambulanz für psychische Gesundheit in Wiesbaden. Diese Position hat er seit Juli 2020 inne.

Der Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie hat in Mainz Medizin studiert.

Am Wiesbadener Standort befindet sich neben der Ambulanz auch die Kinder-Jugend-Tagesklinik. Die Vitos Einrichtungen sind Tochtergesellschaften der Vitos Holding, die dem Landeswohlfahrtsverband Hessen gehört. mre

Wohin gehen die Kinder und Jugendlichen? Sie wollen doch wahrscheinlich zurück zu ihrer Familie?

Das ist denkbar, dass sie nach Hause wollen. Häufiger ist aber, dass sie weglaufen, weil sie das Leben in der Einrichtung als belastend empfinden. Sie müssen sich dort ja anpassen. Das ist schwierig.

Wo treiben sich die Kinder und Jugendlichen herum?

Das kann ganz unterschiedlich sein. Es könnte sein, dass sie sich bei Freunden aufhalten, dass sie alleine sind oder auch weiter wegfahren.

Warum wird die Polizei eingeschaltet, wenn die Ausreißer später doch zurückkommen?

Die Betreuer in der Einrichtung haben die Verantwortung, dass dem Kind oder Jugendlichen kein Schaden passiert. Sie würden ihre Aufsichtspflicht verletzen, wenn sie nicht nach ihm suchen lassen würden. Es können auch Depressionen eine Rolle spielen. Man darf sie nicht alleine lassen.

Die Kinder und Jugendlichen hauen also nicht ab, weil sie kriminell, sondern weil sie in seelischer Not sind.

Sie sind in großer seelischer Not und brauchen Hilfe. Auch dann, wenn Jugendliche mit dem Gesetz in Konflikt kommen, brauchen sie Hilfe.

Ist Ihnen das schon vorgekommen, dass ein Jugendlicher über einen langen Zeitraum in kurzen Abständen immer wieder verschwindet?

Abhauen kommt regelmäßig vor, das Verhalten kennen wir. Je häufiger ein Kind oder Jugendlicher abhaut, desto schwerwiegender ist der Fall. Das ist ernst zu nehmen. Sie brauchen viel Zeit und Geduld, um Vertrauen in neue Lebensumstände zu fassen. Es braucht stabile Ansprechpartner. Je älter sie sind, desto besser kann man erklären, warum sie nicht bei den Eltern leben können.

Interview: Madeleine Reckmann

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