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Manuela Schon auf dem Kochbrunnenplatz. Foto: Michael Schick
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Manuela Schon auf dem Kochbrunnenplatz.

„Störenfriedas“ in Wiesbaden

„Prostitution zementiert die niedrige Stellung aller Frauen“

  • VonDiana Unkart
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Sexarbeit sei ein beschönigender Begriff, den Lobbygruppen gebrauchten, sagt Manuela Schon. Ihre Einstellung zur Prostitution hat sich verändert, seit sie vor Jahren in Kontakt mit Prostituierten aus Osteuropa kam.

Sexarbeit sei ein beschönigender Begriff, den Lobbygruppen gebrauchten, sagt Manuela Schon. Ihre Einstellung zur Prostitution hat sich verändert, seit sie vor Jahren in Kontakt mit Prostituierten aus Osteuropa kam. Seither hat es sich die Wiesbadenerin zur Aufgabe gemacht, über die Zustände in der Prostitution aufzuklären. Gerade ist ihr erstes Buch erschienen. Sein Titel: „Ausverkauft!“

Frau Schon, Sie sind Teil des radikalfeministischen Bloggerinnenkollektivs „Störenfriedas“. Wen wollen Sie stören?

Den patriarchalen Frieden. Die Prostitution ist Ausdruck der patriarchalen Gesellschaft, in der wir leben. Sie zementiert die niedrige Stellung aller Frauen in der Gesellschaft und sie ist eine Form von Gewalt gegen Frauen.

Wie sind Sie mit dem Thema in Berührung gekommen?

Ich habe schon in meiner Jugend feministische Positionen vertreten. Damals aber liberalfeministische. In Bezug auf Prostitution dachte ich: Wer bin ich, dass ich anderen Frauen vorschreibe, was sie mit ihrem Körper tun? Über meine ehrenamtliche Arbeit in einer Hartz-IV-Beratungsstelle habe ich später Prostituierte, vor allem rumänische Romnija und bulgarische Türkinnen, kennengelernt, die sich teilweise prostituieren mussten, um ihre Existenz zu sichern. 2013 hat die Zeitschrift „Emma“ einen Appell gegen Prostitution veröffentlicht. Das alles und der Austausch mit anderen Feministinnen haben dazu geführt, dass sich meine Einstellung verändert hat. Ich habe dann begonnen, Prostitution in meiner nächsten Umgebung zu untersuchen, also in Wiesbaden.

Was haben Sie dabei festgestellt?

Ich habe gesehen, dass es Prostitution überall in der Stadt gibt. Ein Jahr lang habe ich Anzeigen gesammelt und ausgewertet. Es zeigte sich, dass damals pro Jahr circa 1000 Frauen durch Wiesbaden geschleust wurden, die meisten stammten aus Rumänien, Bulgarien und Ungarn. Nicht eingerechnet die Frauen, die im Escortbereich, auf dem Straßenstrich oder in den sogenannten Laufhäusern arbeiteten.

Zur Person

Manuela Schon , geboren 1982, ist Soziologin mit dem Schwerpunkt Geschlechterforschung und besonderer Expertise im Bereich geschlechtsspezifischer Gewalt gegen Frauen.

Für die Partei Die Linke gehörte Manuela Schon der Wiesbadener Stadtverordnetenversammlung an. Sie war Wiesbadener Kreisvorsitzende und Vorstandsmitglied im Landesverband.

Als politische Aktivistin kämpft sie seit 2013 für die Übernahme des schwedischen Ansatzes für Prostitution in Deutschland und hat die Netzwerke „Abolition 2014 - Für eine Welt ohne Prostitution“ und „Linke für eine Welt ohne Prostitution“ mitgegründet.

Sie referiert auf nationalen und internationalen Veranstaltungen und Konferenzen und schreibt für das radikalfeministische Bloggerinnenkollektiv

Sie setzen sich seitdem für das sogenannte Nordische Modell ein. Welche Erwartungen verbinden Sie mit seiner Einführung?

In Ländern wie Schweden, Norwegen, Israel oder Frankreich, die dieses Modell umsetzen, ist die Prostitution zurückgedrängt worden und die Nachfrage gesunken. Weniger Nachfrage bedeutet weniger Menschenhandel. Zudem macht es einen Unterschied, ob es in einer Gesellschaft akzeptiert ist, dass ein Junggesellenabschied im Bordell gefeiert wird oder ob so etwas gesellschaftlich geächtet ist. Diese Ächtung hat einen massiven Einfluss auf das Verhalten. Wenn die Freier kriminalisiert werden, aber nicht die Frauen, ändert sich das Bewusstsein.

Die Debatten pro und kontra Nordisches Modell werden auf beiden Seiten bisweilen erbittert geführt.

Das stimmt. Inzwischen ist die Seite der Befürworter:innen genauso divers wie die der Gegner:innen. Die Konfliktlinie geht auch quer durch die politischen Parteien. Uns wird oft unterstellt, wir seien Hurenhasserinnen. Aber wir stehen auf der Seite der Frauen. Ich will nicht auf persönlicher Ebene argumentieren, sondern sachlich. Deswegen war mein Buch ursprünglich auch als Argumentationshilfe gedacht. Ich wollte meine Vorträge und Recherchen zusammenfassen. Unser Ziel ist es, aufzuklären über die Realität in der Prostitution, die geprägt ist von Ausbeutung, Rassismus, Armut und Gewalt. Und wir wollen politisch etwas bewegen. Dazu braucht man Geduld, gute Argumente und starke, mutige Frauen.

Was haben Sie und Ihre Mitstreiter:innen bisher erreicht?

Festgefahrene Meinungen ändern sich nicht von heute auf morgen. Aber es tut sich was. 2013 waren wir in Deutschland vielleicht zehn Frauen, die sich an Debatten, meist online, beteiligt haben.

Wie ist die Situation heute?

Heute sind wir eine große Bewegung. Frauen, die vor acht Jahren noch gegen uns waren, engagieren sich jetzt mit uns. Gerade erst hat sich ein Bündnis Nordisches Modell gegründet. In der Politik gibt es inzwischen in allen Parteien Befürworter:innen. Besonders freut mich die Entwicklung in Wiesbaden. Wir haben das Thema Prostitution damals in die Stadtverordnetenversammlung gebracht. Seitdem ist der Umgang mit Prostitution bewusster geworden. Verwaltungsmitarbeiter:innen werden geschult und sensibilisiert. Ich bin überzeugt davon, dass das Nordische Modell in Deutschland eingeführt wird, die Frage ist nur, wann.

Interview: Diana Unkart

Lesen Sie hierzu auch: Viel Zulauf in den Frankfurter Bordellen nach der Wiedereröffnung

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