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Propsteikantor Martin Lutz verabschiedet sich

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Von: Madeleine Reckmann

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Martin Lutz an seinem Flügel.
Martin Lutz an seinem Flügel. © Renate Hoyer

Propsteikantor Martin Lutz geht nach 45 Jahren in den Ruhestand. Der Abschied vom Schiersteiner Chor fällt dem Wiesbadener nicht leicht. Die von ihm gegründeten Festivals führt er weiter.

Den Schiersteiner Chor in andere Hände zu geben - für Martin Lutz ist das keine einfache Sache. „Mit dem Chor bin ich verwachsen, das ist wie sein Kind verheiraten“, sagt der Kirchenmusiker, „da will man wissen, ob der Partner der richtige ist.“ 45 Jahre ist Lutz Leiter der Schiersteiner Kantorei. Den Chor bringt er in dieser Zeit zur Blüte, er wächst von 30 auf heute 150 Sänger an, die nicht nur aus Wiesbaden kommen, sondern aus der weiteren Umgebung.

Lutz feilt mit ihnen am Klang, arbeitet künstlerische Aspekte ein, begeistert sie mit seiner Leidenschaft für Musik. Der Chor erhält Strahlkraft und überregionale Bekanntheit, es gibt mehrere internationale Tourneen, Auftritte in der großen Konzerthalle in Peking und der Fatimakirche in Portugal, dem viertgrößten Gotteshaus der Welt, und vielen anderen Orten - und nun heißt es Lebewohl sagen. Das fällt ihm nicht leicht. „Ich fühle mich nicht alt, ich könnte weitermachen“, sagt er. Aber man solle den richtigen Zeitpunkt nicht verpassen, ein funktionierendes System abzugeben, lenkt er ein.

Mit 67 Jahren geht Lutz in den Ruhestand. Er ist der dienstälteste Kirchenmusiker in der Evangelischen Kirche Hessen und Nassau. Zweieinhalb Jahre ist er nach Erreichen des Pensionsalters länger im Amt geblieben - weil er so einen wunderbaren Beruf habe, der es ihm ermöglicht, Musik zu machen.

Sein Nachfolger, der 34-jährige Clemens Bosselmann, übernimmt am 1. Januar 2018. „Ich bin sicher, die Arbeit wird gut weitergehen“, sagt Lutz. Mit dem Partner seines Kindes ist er also einverstanden.

Hinter seinem Flügel in seinem Wohnzimmer stehen Weinkisten und andere Geschenke, die Martin Lutz zum Abschied erhalten hat. Er ist noch ganz erfüllt von der überaus großen Wertschätzung und Herzlichkeit, die ihm Musiker, Kirchenverantwortliche und seine Zuhörer nach seinem Abschiedskonzert in der Wiesbadener Marktkirche entgegengebracht haben. Das Orchester, dem hochkarätige Musiker wie Ingo de Haas, Konzertmeister an der Oper Frankfurt, angehören, führte das Weihnachtsoratorium von Sebastian Bach auf, natürlich Bach.

Das Publikum habe gejubelt und „Bravo“ gerufen. „Sich mit Bach auseinanderzusetzen, gehört zu dem Beglückendsten in meinem Leben“, sagt Lutz. Seine Werke seien mitreißende, bewegende Musik mit einer klaren und ernsten Dimension, die ins Transzendentale weise. „Ich bin sicher, das brauchen wir, das tut uns gut“, sagt der Kantor, „Musik gewordener Glaube“.

Mit seinem Frankfurter Kollegen Michael Graf Münster ruft er 2004 ein ambitioniertes Projekt ins Leben. Die beiden dirigieren an jedem ersten Wochenende im Monat abwechselnd alle 200 Bachkantaten, samstags in Frankfurt, sonntags in Wiesbaden. Bis alle Kantaten gespielt sein werden, werden noch Jahre vergehen. Im Januar ist die 133. Bachvesper dran. Lutz dirigiert die Vesper dann als Gast, das allerletzte Mal im März.

Mit gerade 22 Jahren kam Martin Lutz 1972 als Kirchenmusiker an die Schiersteiner Christophoruskirche. Bis zuletzt spielt er bei den sonntäglichen Gottesdiensten die Orgel, leitet den Kinderchor und übt das Krippenspiel ein. Dass er nie auf eine andere Stelle wechselt, liegt an den Entwicklungsmöglichkeiten. „Die Arbeit ist für Wiesbaden und das Rhein-Main-Gebiet relevant“, erklärt er. Seine Musiker und Zuhörer kommen von weither, von der Bergstraße, Bad Camberg, Lorch, Bingen und anderen Orten.

1983 wird er zum Propsteikantor Süd-Nassau ernannt. Er widmet sich als einer der Ersten der historischen Aufführungspraxis und lässt etwa Barockmusik so erklingen, wie sie zur Entstehungszeit gedacht war.

Lutz gründet zwei Musikfestivals: 1975 die Wiesbadener Bachwochen und 1994 den Musikherbst Wiesbaden, die im jährlichen Wechsel stattfinden. Beide Festivals möchte er auch weiterführen. Lutz ist zuversichtlich, dass sich weitere Aufgaben für ihn ergeben.

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