Tarek liebt seinen Papa

Tarek liebt seinen Papa. Und Papa liebt seinen kleinen Tarek. Ich aber habe Angst vor Tareks Papa. Und endlich hat Tareks Papa ein bisschen Angst vor mir. Aber ausgesucht habe ich mir das nicht. Genauso wenig wie das Schlagen. Immer Schlagen, das ist mein Problem – eigentlich ist es ja seins, aber er macht es zu meinem.

Tarek liebt seinen Papa. Und Papa liebt seinen kleinen Tarek. Ich aber habe Angst vor Tareks Papa. Und endlich hat Tareks Papa ein bisschen Angst vor mir. Aber ausgesucht habe ich mir das nicht. Genauso wenig wie das Schlagen. Immer Schlagen, das ist mein Problem – eigentlich ist es ja seins, aber er macht es zu meinem.

Ich bin grün und blau, aber er jammert und fleht: „Ich mache das nie wieder. Versprochen!“ Ich habe kein Vertrauen zu ihm. Und alles begann damit, dass er keines zu mir hatte.

Seine Schläge kamen über mich ein wie eine Bombe. Schnell, unvermittelt, heftig. Fragte ich, warum, antwortete er mit Wucht. Fragte ich, ob er glaubt, dass Frauen zum Putzen und Kochen auf der Welt sind, antwortete er wieder mit der Faust. Wollte ich aus dem Haus gehen, sperrte er mich ein.

Für Tarek ist Papa der Chef, er bewundert mit seinem unschuldigen Kindergemüt ausgerechnet den, den ich am meisten fürchte. Immer wenn er weinte und um Verzeihung bat, dann sagte er, wie sehr er mich doch liebt. Seltsam: Offenbar liebte er mich vor allem dann, wenn er mich geschlagen hat. Ich hatte eine Freundin, die sagte: „Der macht dich nur traurig. Geh zur Polizei. Geh!“

Ich kann nicht reden, manche Tage nur weinen. Es ist alles so frisch und ich bin noch nirgends angekommen. Außer in diesem Haus hier, für geschlagene Frauen.

Tarek, wenn du wüsstest, wenn du verstehen könntest.

Aber Tarek liebt seinen Papa. Alle zwei Wochen holt ihn sein Papa in einem Café ab. Ein neutraler Ort. Mit Anwalt. Dann unterschreibt er und nimmt seinen Tarek einige Stunden mit in das Schlaraffenland. Die Familie meines Mannes hat Geld und kauft sich damit meinen Sohn.

Ich kann mir Tareks Liebe nicht leisten. Ich muss immer sagen, dass wir kein Geld haben. Abends kommt Tarek zurück zu mir, an diesen geheimen Ort, wo wir uns versteckt halten. Dann fragt er nach Papa.

Es liegen große Aufgaben vor mir. Gehe ich durch die Stadt, dann halte ich mein Handy immer in der Hand. Ich stecke es nicht in die Tasche. Ich will Hilfe rufen können. Einmal schimpfte mein Mann: „Warum erzählst du unser Privatleben bei der Polizei?“Meine Mama sagt: „Lass ihm den Sohn und komm zurück.“ Ich kann nicht. Tarek ist Deutscher. Er spricht nur Deutsch. Darauf lege ich wert. Ließe ich Tarek bei seinem Vater, würde die nächste Generation der Gewalt entstehen. So aber hoffe ich, dass mein Sohn ein liebevoller Mann wird, dass er sich kein Beispiel nimmt an seinem Vater.

Meine Mama sagt: „Ich habe Angst um Dich.“ Ich teile ihre Angst. Angst ist das Gegenteil von Liebe. Als wir einander vor Gericht begegneten, bemerkte ich, wie dünn er geworden ist. Er hat auch Angst. Vor der Polizei. Trotz Polizei: Ich bin so alleine auf der Welt. Tarek aber liebt seinen Papa. Und ich liebe den kleinen Tarek, der immer so schön schläft, wenn es dunkel ist. (stw.)

Auszug aus dem Wiegenlieder-Projekt

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