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Chris Hallmann zeigt sich mit der Regenbogenfahne, die queeren Flüchtlinge bleiben im Hintergrund.

Queere Flüchtlinge

Im falschen Körper geboren

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Flüchtlinge berichten von Angst und Nachstellungen wegen ihrer Sexualität. In der Regenbogen-Unterkunft in Wiesbaden finden sie Hilfe bis hin zur Therapie.

Als Kind hat Miriam gerne ihrer Schwester beim Ankleiden und Schminken zugeschaut, damals in Damaskus. Sie suchte die Nähe der Frauen, fühlte sich unter Männern fremd. Miriam erzählt nur widerwillig von früher. „Keine gute Kindheit“, sagt sie. Miriam wurde vor 35 Jahren in Syrien im Körper eines Jungen geboren. Sie spürte immer, dass etwas nicht stimmte. Aber was?

Später trug sie gerne Frauenkleider. Damit durch die Stadt zu gehen, glich einer Mutprobe. Die Polizei hatte ein Auge auf sie, hielt sie an, fragte kritisch nach. In Syrien steht auf Homosexualität Gefängnisstrafe. Angst war Miriams ständiger Begleiter. Noch vor dem Krieg verließ sie ihr Land. Bis heute hat sie keinen Kontakt zu ihrer Familie. Niemand weiß, dass aus dem Sohn eine Frau wurde, und niemand darf es wissen. Den Tabubruch ihren Eltern und Geschwistern gegenüber auszuhalten, wäre zu schwer für die kleine und zierliche Miriam. „Kein Kontakt, das ist besser für mich“, sagt sie. 

Zunächst schlug sich Miriam anderthalb Jahre in der Türkei durch. Dort besorgte sie sich in Apotheken Östrogene. Endlich Frau sein! Brüste wuchsen ihr, die Haut wurde weicher, die Gesichtszüge femininer. 2015 folgte sie dem großen Flüchtlingsstrom, setzte in einem Boot nach Griechenland über und wanderte auf dem Landweg nach Deutschland. Dort der Schock. Hormone gab es nicht mehr frei zu kaufen. Die Verwandlung zur Frau kam ins Stocken, die Brüste bildeten sich wieder zurück, die Haut wurde grober. 

Die Mitbewohner in den Flüchtlingsunterkünften beschimpften und beleidigten sie. Es wurde getuschelt und gehetzt. Miriam war verzweifelt. Erst als sie im Mai 2016 einen Platz in einer Regenbogen-Unterkunft in Wiesbaden erhielt, kam sie zur Ruhe. Zwölf Flüchtlinge mit LSBT*IQ-Lebensweisen leben dort, sie sind homosexuell oder trans- oder intersexuell.

Dass es ihr heute besser geht, hat viel mit Chris Scott Hallmann, 39 Jahre, damals Sozialarbeiter im Regenbogenhaus, zu tun. Er weiß, wie sich Menschen fühlen, die mit dem falschen Geschlecht geboren wurden. Chris kam als Mädchen auf die Welt, er hieß Miriam. 

Sozialarbeiter und Flüchtling wechselten gleichzeitig ihr Geschlecht. Aus Dankbarkeit für seine Hilfe wählte Miriam bei der offiziellen Umbenennung seinen ehemaligen Namen aus. 

Chris berichtet von einer schweren Jugend. Verzweifelt habe er versucht, sich die weibliche Rolle zu eigen zu machen, er trug lange Haare, modische Kleidung und hohe Schuhe und schminkte sich. „Ich kam mir vor wie an Fasching, wie in eine Form gepresst“. Bis in die Pubertät sah er wie ein kleiner Junge aus, ein kleiner Draufgänger, der auf die höchsten Bäume klettert. Das hat zu ihm gepasst. Aber nicht das Frausein. 

Das Gefühl des „Falschseins“ machte ihn depressiv und magersüchtig, Selbstmordgedanken quälten ihn. Bis mit Mitte 20 der Knoten platzte. „Das ist ein langer Prozess, sich klarzuwerden, was los ist,“ erinnert er sich, zumal damals weniger über das Thema bekannt und das Internet noch nicht so stark verbreitet war. Jahrelang traute er sich nicht ins Schwimmbad, seine Oberweite schnürte er sich ab. „Ich sehe das bei den anderen Betroffenen, wenn man sie drauf anspricht. Dann melden sie sich lange nicht. Irgendwann kommt dann der erste Schritt.“ Chris ist sich jetzt sicher, was er sein möchte: ein homosexueller Mann. Er entschied sich für eine Geschlechtsumwandlung mit operativem Eingriff. Im September 2017 ließ er seine Brüste entfernen. Die anderen drei Operationen werden folgen. Zurzeit wird er hormonell behandelt. Inzwischen hat er äußerlich nichts Weibliches mehr. Manchmal schlägt er sich auf die Brust,wie nur Männer das tun. 

„Als ich damals Miriams Leid sah, wusste ich aus eigener Erfahrung, was zu tun ist“, berichtet Chris Hallmann. Er kümmerte sich um Termine bei einer Therapeutin, wo Miriam die vor der Geschlechtsumwandlung vorgeschriebene Psychotherapie erhielt; er besorgte aus dem von der Aidshilfe verwalteten Spendentopf für Rainbow-Refugees das Fahrtgeld und wusste, welcher Arzt die Hormontherapie betreut. Miriam hat nach dem Transsexuellengesetz ihren Namen bereits ändern lassen, sie ist mit einem Mann verheiratet, einem Flüchtling, der in Norwegen Asyl erhielt. Nun versuchen die beiden zusammenzukommen. Ob sie auch eine operative Geschlechtsumwandlung vornehmen lassen möchte, weiß Miriam noch nicht. Gerade macht sie ein Praktikum in einer Senioreneinrichtung, von November an möchte sie als Altenpflegehelferin arbeiten.

Chris Hallmann kümmert sich inzwischen privat um Flüchtlinge mit Queer-Problematik. Fadi und Jacoub, ein homosexuelles Paar aus Syrien, die in Wahrheit andere Namen tragen, hat er über die Rainbow-Refugees in Mainz kennengelernt. Sie sind Freunde geworden. Jacoub ist geflohen, weil er nicht Soldat werden wollte; Fadi ist aus der Armee desertiert. 

Wie Miriam hoffen sie, in Deutschland bleiben zu können. „Auch wenn der Krieg in Syrien zu Ende ist, möchte ich dort nicht mehr leben; Homosexuelle haben dort keine Rechte“, sagt Jacoub, der für eine Sprachprüfungen büffelt, um eine Ausbildung zum Mediengestalter beginnen zu können. Fadi, der ebenfalls noch Sprachprüfungen abzulegen hat und von einem Studium der Internationalen Beziehungen träumt, berichtet von sich, er habe im Krieg gegen den sogenannten Islamischen Staat viele Grausamkeiten gesehen. Wegen seiner posttraumatischen Störungen sei er in Psychotherapie. Er sei Atheist, habe Angst vor Muslimen und wolle nie mehr in einem arabischen Land wohnen. Doch es treibt ihn eine Mission: Fadi ist dabei, ein weltweites Netzwerk für die Rechte Homosexueller und Trans- und Intersexueller aufzubauen und dafür Kampagnen in den arabischen Ländern zu organisieren.

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