Dann wache ich auf

Mama kam nachts an das Bett, in dem ich mit vier Geschwistern schlafend lag. Dann schlug sie zu wie im Rausch und wir lernten, dass es besser sein würde, sich nicht zu regen, bis sie von uns abließ. Dieses Wissen reichten wir den Kleinsten weiter und weinten alle immer erst hinterher. Wenn überhaupt. Mamas innere Stimme sagte mir später noch: „Wehr dich nicht.“

Mama kam nachts an das Bett, in dem ich mit vier Geschwistern schlafend lag. Dann schlug sie zu wie im Rausch und wir lernten, dass es besser sein würde, sich nicht zu regen, bis sie von uns abließ. Dieses Wissen reichten wir den Kleinsten weiter und weinten alle immer erst hinterher. Wenn überhaupt. Mamas innere Stimme sagte mir später noch: „Wehr dich nicht.“

So war ich gut vorbereitet auf die Nächte mit ihm, in denen ich die Augen aufschlug und seine Hände an meinem Hals fühlte, er mich beschimpfte, würgte, aber nie fest genug. Er wollte nicht meinen Tod. Er wollte ja mein Leben.

Er kam einst wie ein Beschützer. Man erfährt vieles erst hinterher. Und begreift manches erst spät. Als Kind hetzte Mama den Bruder gegen mich auf. Mein Kopf schlug zwischen den Wänden hin und her. Ich habe nicht verstanden, warum man mich nicht liebhat. Diese Frage darf man nicht stellen, denn die Antwort würde nichts besser machen. Dreimal bin ich abgehauen. Einmal blieb ich sechs Wochen verschwunden. Die Polizei suchte mich und ich saß im Keller hinter dem Eingemachten. Einmal zogen sie mich hinter den Öltanks hervor, und Mama hämmerte ihre Wiedersehensfreude in mich hinein. Seltsam: Ich liebte Mama dafür, weil sie mich wahrnahm. Mit ihren Schlägen zeigte sie, dass sie sich um mich sorgte.

Meine erste Heirat war Flucht, die Tochter kam als Sturzgeburt. Bei mir gehen die Dinge schnell. Ich sagte meiner Tochter, dass ich ihr den Hintern versohle, wenn sie nicht lernt. Jetzt hat sie bald zu Ende studiert, ohne dass ich die Drohung wahr machen musste. Mit meinem zweiten Mann wurde alles noch schlimmer. Jede Nacht mehr. In unserem letzten Kampf gelang mir ein Leberhaken, seine schwache Stelle. Er sank zusammen, schleppte sich zum Sofa. Ich legte ihm Coolpacks auf den Bauch und mir welche aufs Gesicht. Blutergüsse überall. Dann ging ich leise aus der Wohnung und in ein Krankenhaus. Kein Geld in der Tasche, man plant nicht, man hat Angst. Man sucht das Weite.

Meiner Tochter sage ich nichts. Sie hat nie gefragt. Über das Frauenhaus rede ich nicht, ich käme mir schwach vor. Bald werde ich heiraten, auf einem Schiff. Ich heirate den Mann, der mich in den Arm nimmt, wenn ich traurig bin. Ich heirate in einem roten Kleid, ich heirate aus Liebe. Weiß stünde für Arglosigkeit, die habe ich verloren, so wie die Mama, die ich bis zu ihrem Tod versorgte. Manchmal ist mir noch, als käme sie nachts an mein Bett. Dann wache ich auf. (stw.)

Auszug aus dem Wiegenlieder-Projekt

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