1. Startseite
  2. Rhein-Main
  3. Wiesbaden

Politische Einmischung ist erwünscht

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Madeleine Reckmann

Kommentare

Nicole Nestler ist angetreten, um die Politik ein bisschen christlicher zu machen.
Nicole Nestler ist angetreten, um die Politik ein bisschen christlicher zu machen. © Michael Schick

Nicole Nestler hat die Fachstelle gesellschaftliche Verantwortung im evangelischen Dekanat für Wiesbaden inne. Die Verantwortlichen in der Kirchenverwaltung haben mit ihrer Wahl bewusst ein Zeichen gesetzt.

Die frühere und die neue Arbeitsstelle von Nicole Nestler liegen nur einen Katzensprung voneinander entfernt. Vom Schlossplatz, wo das evangelische Dekanat für Wiesbaden seinen Sitz und Nestler ihr neues Büro hat, bis zur Marktstraße, wo ihr früherer Arbeitsplatz bei der Friedrich-Ebert-Stiftung war, sind es nur wenige Minuten zu Fuß. Nestler muss sich keine neue Busverbindung für den Weg zur Arbeit suchen. Die räumliche Nähe wäre nicht weiter von Bedeutung, wenn es nicht auch eine große inhaltliche Nähe gäbe.

Seit Januar hat die 41-Jährige die Fachstelle gesellschaftliche Verantwortung im Dekanat inne. Ihr Vorgänger, der Pfarrer Christian Fischer, ist nach 18 Jahren in den Ruhestand gegangen. Die Verantwortlichen in der Kirchenverwaltung hätten bewusst ein Zeichen gesetzt, indem sie sich für die Frau mit der ausgeprägten politischen Vita entschieden und nicht für eine Theologin, sagt Nestler. Die politische Einmischung sei ausdrücklich erwünscht. Die Wiesbadener Kirchen sollen Position beziehen.

„Christliche Positionen in die Gesellschaft hineintragen“

Es ist daher kein Zufall, dass einer ihrer ersten öffentlichen Auftritte am Tag der Arbeit ist. Erstmals wird das Dekanat nun bei den Feierlichkeiten zum 1. Mai mit einem Stand vertreten sein. Denn es gebe gemeinsame Standpunkte. Dass der Sonntag arbeitsfrei bleibt, sei ja nur einer davon. „Es geht darum, christliche Positionen in die Gesellschaft hineinzutragen und zurück in die Gemeinden zu spielen“, erklärt sie ihren Auftrag. 

Ihre Themenschwerpunkte sind die Bewahrung der Schöpfung und Mobilität, Armut in der Gesellschaft und die Zukunft der Arbeit; Stichworte sind Digitalisierung und Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Dass es zu wenig bezahlbaren Wohnraum gebe und viele Menschen trotz Ganztagsjobs zu wenig verdienten, um ihre Familien über Wasser zu halten, damit könne sie sich nicht abfinden, sagt Nestler. Die Politik sei für eine Veränderung der Missstände zwar am Zug, aber die Institution Kirche müsse Stellung beziehen. Dazu gehöre, den eigenen Mitgliedern zu erklären, was das Christentum bedeute, nämlich konsequent an der Seite der Armen und Beladenen zu stehen.

Bei den Wohlhabenden müsse dafür das Bewusstsein wachsen, welche politischen Entscheidungen notwendig seien. „Ich werde den Finger in die Wunde legen“, sagt sie. Bei all diesen Themen gebe es keinen Königsweg. Doch Nestler möchte sich auf die Suche begeben.  Ihr Arbeitsfeld ist also breit gefächert. Sie wird Lobbyarbeit für die Armen betreiben, Informationsveranstaltungen über E-Bikes als Diensträder organisieren, sich für nachhaltige Mobilitätskonzepte in den Kindertagesstätten einsetzen und die Verkehrswende in die Gemeinden tragen. Sie wird wie ihr Vorgänger Unternehmen in der Region besuchen, um sich von den Arbeitsbedingungen der Menschen ein Bild zu machen und nach innovativen Arbeitsformen und Rollenbildern zu suchen.

Dass Nicole Nestler Christin ist, ist ihr nicht in die Wiege gelegt. Die Hamburgerin wurde als Kind nicht getauft und nicht religiös erzogen. „Ich war lange auf der Suche“, erzählt sie. Der Kirche habe sie sich Schritt für Schritt angenähert und sich als Studentin manchmal in ein Gotteshaus gesetzt, um sich zu sammeln. Vor fünf Jahren ließ sie sich schließlich in der Wiesbadener Ringkirche taufen, weil ihr die dortigen Predigten und die Gemeinsamkeit mit der äthiopisch-orthodoxen Gemeinde gefielen. Ihre beiden Kinder, fünf und ein Jahr alt, wurden auch dort getauft. Mit ihrem Lebenspartner und den Kindern wohnt sie im Westend. Nestler studierte Politik, Geschichte und Arbeitspsychologie in Gießen, Krakau und Hamburg und begann 2003 ein Trainee-Programm bei der Friedrich-Ebert-Stiftung in Bonn. 

Von 2004 bis 2007 war sie für die Stiftung Referentin für Ostafrika und besuchte den Kontinent. 2007 kam sie nach Wiesbaden, um dort das Landesbüro der Friedrich-Ebert-Stiftung aufzubauen. Nach zehn Jahren habe sie nach einem beruflichen Perspektivwechsel Ausschau gehalten. Über die Offenheit, wie sie in ihrer neuen Funktion willkommen geheißen wird, ist sie begeistert.

Auch interessant

Kommentare