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Kein Anstoß sein, sondern Anstoß geben: das Kunstwerk.
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Kein Anstoß sein, sondern Anstoß geben: das Kunstwerk.

Stele in Biebrich

Platzhalter für verschwundene Synagoge

Der Künstler Karl-Martin Hartmann schafft Stelen, die Anstoß geben sollen. In Biebrich erinnert jetzt eine sechs Meter hohe Skulptur an die ehemalige Synagoge. Von Michael Grabenströer

Von Michael Grabenströer

Die Stele steht am Rande des Bürgersteigs, zur Rathausstraße in Biebrich hin, direkt vor dem Gebäude des türkischen Jugend- und Kulturbundes. Hoch aufragend, sechs Meter. Sie sieht auf den ersten Blick aus wie der Träger einer Werbemaßnahme, an der nur noch die Leuchttafeln fehlen. Sie soll mit ihren roten Glaselementen und mehrsprachigen Inschriften Aufmerksamkeit schaffen und Fragen aufwerfen. Die Stele, die aus dem Gehweg wächst, steht schließlich an einem besonderen Ort der Erinnerung. Sie wurde dort errichtet, wo einst die Synagoge der jüdischen Gemeinde in Biebrich stand. Die Stele behindert keinen beim Vorbeilaufen, will kein Anstoß sein, sondern Anstoß geben.

Am 27. Januar, dem Holocaust-Gedenktag, wurde das Kunstwerk enthüllt. Ein Objekt des Künstlers Karl-Martin Hartmann, der sein Werk, das bewusst anderen Werken gleicht, als Symbol der Toleranz sieht. Elf Stelen mahnen bereits vor allem an Schulen in Wiesbaden und in Partnerstädten, und mehr sollen hinzukommen.

Schon seit 1994 bewegt Hartmann die Idee, eine große Stele zu errichten, ein 60 Meter hohes Objekt. Doch die Realisierungsphase ist noch weit entfernt. So hat der Künstler mit einem Netzwerk der Stelen in der Stadt begonnen, sechs Meter hohe Mahn-, Erinnerungs-, Gedenksteine aus Stahl und Glas. Die sechs Meter sind als Zehntel der geplanten großen Stele zu verstehen. In Israel soll noch eine hinzukommen, in Wisconsin (USA) steht bereits eine.

Die Aufstellung der Stele in Biebrich erinnert auch an den Umgang mit der jüdischen Geschichte.

Am 10. November 1938 wurde die Synagoge vom 3. SS Pioniersturmbann verwüstet. An das "barbarische Zerstörungswerk", wie es im Informationstext zur Enthüllung hieß, der Deutschen an der jüdischen Kultur in Biebrich, wurde später mit einer kleinen Gedenktafel im Eingangsbereich des Rathauses erinnert.

1998 rückte diese Gedenktafel an die Fassade des neuen Wohn- und Geschäftsgebäudes an der Rathausstraße 37. Dort wo die Synagoge einmal stand. Die Tafel wurde "umplatziert" heißt es in der Einladung zum Stelen-Enthüllung.

Wo das Leben pulsiert

Nun ist die Stele ein Ort der Erinnerung im geschäftigen Leben der Rathausstraße in Biebrich, die erst noch zu einem aktiven Ort der Erinnerung werden muss. Die Mahnskulptur steht dort, wo der Ort pulsiert. Und niemand, der das sieht, kann sich vorstellen, dass die Bevölkerung nichts mitbekommen hat. Der Terror gegen die Juden war mitten in Biebrich zu Hause, mitten in der Bevölkerung, wie auch anderswo im Dritten Reich. Auch daran soll die Stele gemahnen.

Rabbiner Avraham Nussbaum forderte bei der Übergabe des Kunstwerkes, jeder Art von Verallgemeinerung dürfe man keine Toleranz gewähren. Deutschland und Wiesbaden hätten viel bei der Verarbeitung der Vergangenheit geleistet. Es gelte aber nun dem aktiven Antisemitismus entgegen zu treten in Schulen, Vereinen, auf der Straße. Nussbaum wollte an diesem Tag des Gedenkens keinen Funken Toleranz zulassen, gegenüber "Predigern, die Gift ausbreiten".

Das Zusammenleben, sagte vorher Biebrichs Ortsvorsteher Wolfgang Gores, bedürfe des Gedenkens an die Vergangenheit - immer.

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