1. Startseite
  2. Rhein-Main
  3. Wiesbaden

Im Osten was Neues

Erstellt: Aktualisiert:

Kommentare

Kampf gegen den Leerstand: Das Projekt Probewohnen in der Görlitzer Innenstadt lockt Neubürger aus Ost und West an. Von Mirjam Ulrich

Von Mirjam Ulrich

Die renovierten Fassaden der Gründerzeithäuser sehen hübsch aus. Doch hinter vielen Fenstern gähnt dunkle Leere. Was in Wiesbaden unvorstellbar scheint, ist in der westlichen Görlitzer Innenstadt triste Realität: Obwohl zwei Drittel der Häuser komplett saniert sind, stehen dort insgesamt mehr als ein Viertel der Wohnungen leer. "Es ist der höchste Leerstand in der Stadt", sagt die Stadtplanerin Anne Pfeil. Die Ingenieurin forscht an der Technischen Universität Dresden.

Dass in Görlitz mehr als 4500 Wohnungen leer stehen, liegt nicht nur an der Abwanderung der Bewohner seit 1989 - es ist auch eine Folge der Stadtentwicklungspolitik der DDR-Regierung. Die setzte auf neue Plattenbauten am Stadtrand. Innenstadt und historische Altstadt dagegen blieben dem Verfall überlassen. Aus dieser Zeit stamme auch noch das schlechte Image des Gründerzeitviertels als Wohngegend, sagt Arne Myckert, Geschäftsführer der Wohnungsbaugesellschaft Görlitz (WBG), die in der Innenstadt etwa 1500 Wohnungen besitzt.

Um Vorurteile gegen das Stadtleben abzubauen, entstand 2007 eine ungewöhnliche Idee: Eine Woche lang durften ausgewählte Interessenten gratis in zwei möblierten Wohnungen in der Innenstadt zur Probe wohnen. Als Gegenleistung hatten die Tester für eine wissenschaftliche Studie Fragen zu beantworten. Das gemeinsame Projekt der TU Dresden, der Wohnungsbaugesellschaft und der Görlitzer Stadtverwaltung erhielt wegen seines Modellcharakters Geld vom Bundesbauministerium. Schließlich stehen in vielen ostdeutschen Innenstädten Häuser und Wohnungen leer.

Zunächst war nur geplant, die Probewohnungen im Herbst 2008 und im Frühjahr 2009 zu vergeben. Doch die Zahl der Bewerber war so groß, dass die beteiligten Partner sich entschlossen, das Projekt bis zum Juli 2010 fortzusetzen. Die WBG übernahm komplett die Finanzierung und personelle Betreuung, die Wissenschaftler der TU Dresden begleiteten das Projekt weiter.

Bis Ende Mai 2010 bewarben sich rund 800 Personen aus mehr als 200 Orten, um das Görlitzer Stadtleben zu testen. Darunter seien viele Rentner aus dem Westen gewesen, die im Alter nochmals etwas Neues ausprobieren wollen, erzählt Projektleiterin Anne Pfeil.

Seit Sommer 2009 waren die Probewohnungen ununterbrochen belegt, im Mai dieses Jahres stellte die WBG noch eine dritte Wohnung zur Verfügung. Die meisten Teilnehmer waren positiv überrascht. "Sie merkten, wie ruhig es in der Stadt ist, und genossen die kurzen Wege", sagt Pfeil. Parkplatzsorgen erwiesen sich als unbegründet, und die Heizung war moderner als im Plattenbau.

Aufgrund ihrer guten Erfahrungen beim Probewohnen zogen zwei Familien aus der Umgebung von Görlitz und eine berufstätige Pendlerin aus Sachsen in die Innenstadt. Ein Rentnerehepaar siedelte sogar aus Ostfriesland über, ein Teilnehmer sucht noch eine neue Bleibe im Stadtzentrum.

Die Wohnungsbaugesellschaft verzeichne inzwischen eine große Nachfrage nach Wohnungen in Gründerzeithäusern, berichtet Geschäftsführer Myckert. Durch das Projekt und das gute Medienecho habe sich auch die öffentliche Diskussion über das Gründerzeitviertel verändert. Für die Probewohnungen, die zuvor lange leer standen, haben sich nun auch reguläre Mieter gefunden. Im Herbst ziehen sie ein.

Auch interessant

Kommentare