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Die Selbstausbeutung in freien Initiativen muss ein Ende haben, findet Ernst Szebedits.

Kulturbeirat Wiesbaden

"Kleine Kunstgruppen mehr unterstützen"

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Der Vorsitzende Ernst Szebedits über die Ziele des neuen Kulturbeirats in Wiesbaden und seine Forderungen an die Stadtpolitik.

Wiesbaden gilt als Beamtenstadt mit einem langweiligen Nacht- und Kulturleben. Der Kulturbeirat soll für mehr Pep in Theatern, Kinos und Ausstellungen sorgen. Die FR spricht mit dem Vorsitzenden des neu gegründeten Gremiums, Ernst Szebeditzs, der seit langem in der Filmbranche aktiv ist. 

Herr Szebedits, soll Wiesbaden auch ein Museumsufer bekommen oder wofür stehen Sie im Kulturbeirat?
Es wäre unsinnig, Frankfurt zu kopieren, und ein Museumsufer wäre für Wiesbaden nicht sinnvoll. Der Kulturbeirat ist eine beratende Institution und soll die Arbeit am Kulturentwicklungsplan begleiten. Aber Wiesbaden im Rhein-Main-Gebiet stärker zur Geltung zu bringen, das ist mir schon ein Anliegen.
 
Mit Wiesbaden verbindet man das Staatstheater und das Landesmuseum.
Wiesbaden hat im Vergleich mit Frankfurt einen deutlich geringeren Kulturetat pro Einwohner und dennoch ein reges kulturelles Leben. Wird das Geld aber knapp, wird zuerst bei der Kultur gekürzt. Kulturpolitik muss professioneller und zukunftsorientierter werden. Dazu soll der Kulturbeirat beitragen. Es muss ein kulturpolitisches Konzept mit Bestand geben, damit es nicht von wechselnden kulturpolitischen Konstellationen abhängt, was und wie gefördert werden soll. Hierfür bedarf es einer breiteren inhaltlichen Basis. 
 
Daher wurden ja auch freie Initiativen hineingewählt.
Ja, gerade die Kulturschaffenden bringen ihr Wissen ein. Eine Stärke von Wiesbaden ist, dass die freie Kulturszene breit aufgestellt ist. Für den Film gibt es neben den Kinos Murnau-Filmtheater der Stiftung und dem Caligari weitere Kinos und diverse Filmfestivals sowie ansässige Filmschaffende. Es gibt viele Theatergruppen und Orte wie das Pariser Hoftheater, eine Musik- und Literaturszene, um nur einige zu nennen. Die Initiativen müssten nur wahrnehmbarer werden, es fehlt der Diskurs darüber, dass es mehr als Oper und Staatstheater gibt, die gleichwohl notwendige kulturelle Institutionen sind.
 
Was soll Ihrer Meinung nach stärker gefördert werden?
Natürlich müssen die großen Institutionen wie das Staatstheater und das Landesmuseum mit öffentlichen Mitteln unterstützt werden. Aber daneben muss auch all das gefördert werden, was nicht marktkonform ist, wo Neues entsteht, kulturelle Formen, die sich an ein Nischenpublikum richten. Kultur ist kein Luxusgut, dass man sich in guten Zeiten gönnt, sondern gesellschaftlich notwendig. Kunst ist ein „Lebensmittel“ und wirkt auf alle gesellschaftlichen Bereiche, bis in die Wirtschaft hinein. 
 
Wer soll bestimmen, welche Initiativen gut sind?
Jurys und Ausschreibungen können Mittel hierfür sein. Der Betrieb des Pariser Hofs wurde jetzt ausgeschrieben, und interessierte Theatergruppen können sich bewerben. Der Kulturbeirat wird in diesem Kontext Vertreterinnen von Wiesbadener Theatergruppen in einer öffentlichen Veranstaltung die Gelegenheit bieten, sich und ihre Konzepte vorzustellen. Sie berichten von ihren Problemen wie Raum- und Geldnot – und wir werden im Kulturbeirat versuchen, der Politik Wege aufzuzeigen, wie hier geholfen werden kann und muss.
 
Und die anderen Kunstsparten?
Wir sehen diese erste öffentliche Präsentation als den Beginn von Veranstaltungen, die die unterschiedlichen Kunstbereiche zur Diskussion stellen werden.
 
Welches Ergebnis erwarten Sie?
Der Kulturentwicklungsplan wird feststellen, so darf man vermuten, dass Wiesbaden einen hohen Nachholbedarf in der kulturpolitischen Förderung und Entwicklung hat. Ein Ergebnis wird sicherlich die Einsicht in die Notwendigkeit sein, das der Kulturetat der Landeshauptstadt perspektivisch ausgebaut werden muss. Insbesondere viele der freien Kulturinitiativen und Kunstsparten benötigen deutlich mehr öffentliche Förderung. 

Ich staune immer darüber, dass etwa das renommierte Filmfestival Exground von Ehrenamtlichen organisiert wird.
Ja, dass Exground-Filmfestival ist ein gutes Beispiel für exzessive Selbstausbeutung der ehrenamtlich Tätigen, die seit Jahren eine hervorragende Arbeit leisten, die weit über die Landeshauptstadt hinaus Anerkennung finden. Hier muss es definitiv zu Änderungen der finanziellen Ausstattung kommen. Kulturpolitik muss solche herausragenden Initiativen stärker unterstützen. Und das betrifft nicht nur dieses Festival.
 
Die Landeshauptstadt hat noch einige andere Baustellen. das Stadtmuseum etwa.
Dem Stadtmuseum gebührt ein deutlich höherer Stellenwert und ein anderer Ort. Jetzt ist die Wiesbadener Geschichte in den Keller verbannt. Ich bin selbst gespannt, welche Prozesse sich hier anregen lassen. Raumprobleme stehen immer wieder im Fokus der Planungen. Hier muss aber auch nach dem politischen Willen gefragt werden.

Der Kulturbeirat hatte kürzlich seine erste Konfrontation mit der Politik, als er kritisierte, dass die Kunst am Bau am Rhein-Main-Congresscentrum unter den Tisch fallen soll. Die Künstlerin Monica Bonvicini wurde noch nicht einmal benachrichtigt, dass sie den Wettbewerb gewonnen hat.
Wiesbaden hat diesbezüglich eine unrühmliche Vergangenheit, denn dies ist nicht der erste Fall der Missachtung einer Juryentscheidung. So etwas ist nicht akzeptabel, und selbstverständlich ist es eine der Aufgaben des Kulturbeirats, hier Stellung zu beziehen. Wenn eine prominent besetzte Jury unter Leitung des Direktors des Landesmuseums eine Preisträgerin kürt, kann man das nicht einfach ignorieren – aus welchen Gründen auch immer. Das beschädigt die Künstlerin, die Jurymitglieder und den Ruf Wiesbadens. 
 
Aber der Kulturbeirat hat nur empfehlende Funktion. 
Aber wir werden offenbar gehört. Der Kulturausschuss der Stadtverordnetenversammlung vertagte die Behandlung des Themas, um die Empfehlung des Kulturbeirats abzuwarten und hat unsere Stellungnahme inzwischen zur Kenntnis genommen. Wir haben ergänzend den Wirtschaftsdezernenten angeschrieben, mit der Bitte zu veranlassen, zumindest die Preisträgerin endlich darüber zu informieren, dass sie den Wettbewerb 2017 gewonnen hat, und dass die Stadt Gespräche mit der Betreibergesellschaft aufnehmen möge, um zu einer sinnvollen Lösung zu kommen. Jetzt sind wir gespannt darauf, was geschehen wird. Der Kulturbeirat ist politisch unabhängig und ich  hoffe, dass wir entsprechend agieren werden. Nicht nur in diesem Fall. 
 
Der Kulturbeirat ist kaum in der Bevölkerung verankert. Bei der Wahl des Gremiums beteiligte sich nur ein verschwindend kleiner Teil.
Es ist ein neues Projekt und es wird an der Arbeit des Kulturbeirats liegen zu zeigen, dass eine nachhaltige zukunftsorientierte Kulturpolitik notwendig ist. Wenn die Benennung der Mitglieder durch die demokratisch gewählte Stadtverordnetenversammlung erfolgt wäre, hätte das meiner Meinung nach seine Berechtigung gehabt und man hätte Geld gespart. Ein Teil der Kulturbeiratsmitglieder, die Vertreter der Institutionen, wie Staatstheater, Stiftung, Volkshochschule und die Vertreterinnen der politischen Parteien im Kulturbeirat wurden ohne Wahl gesetzt. So hätte man durchaus auch mit den Spartenvertreterinnen verfahren können.

Warum beteiligt sich eine nationale Einrichtung wie die Murnau-Stiftung am städtischen Kulturbeirat?
Wir haben mit Unterstützung des Landes und der Landeshauptstadt als Sitz das Filmhaus in Wiesbaden gebaut, ein klares Statement zum Standort. Wir möchten der Landeshauptstadt zeigen, dass wir uns trotz unserer nationalen Aufgabe, das deutsche Filmerbe zu bewahren, auch als Wiesbadener Kultureinrichtung sehen.

Interview: Madeleine Reckmann

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