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„Ohne Job haben sie auch keinen Anspruch auf Hilfe“

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Von: Christina Franzisket

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Matthias Röhrig leitet die Teestube, eine Einrichtung für Obdachlose beim Diakonischen Werk. Im FR-Interview spricht er über Sorgenkinder aus Osteuropa, ihre Perspektivlosigkeit und Motivationsversuche.

Herr Röhrig, warum kommen die Menschen aus Osteuropa nach Deutschland?

Sie kommen in der Hoffnung auf Arbeit und ein besseres Leben. Doch viele von ihnen lassen in ihrer Heimat alles stehen und liegen, kommen nach Deutschland, ohne die Sprache zu sprechen, und ohne Job. Sie haben keine Ahnung, welche Probleme sie hier erwarten.

Was sind das für Probleme?

Seit diesem Jahr dürfen sie sich immerhin auf dem freien Arbeitsmarkt bewerben. Vorher brauchten sie eine Arbeitsgenehmigung. Ungelernte landen aber immer noch in Schwarzarbeit und werden dabei von eigenen Landsleuten ausgebeutet, schuften für einen Hungerlohn und werden in Gemeinschaftsunterkünften untergebracht, für die sie noch horrende Mieten zahlen müssen.

Viele Menschen befürchten derzeit, dass Osteuropäer kommen, um von deutschen Sozialleistungen zu profitieren.

Es haben nur die Anspruch auf Sozialeleistungen, die auch in Deutschland gearbeitet haben. Diejenigen die ohne Job kommen, haben auch erstmal keinen Anspruch. Ein Problem daran ist, das diese Menschen auch keine Krankenversicherung haben und ihnen keine medizinische Hilfe zusteht.

Heißt das, wenn zwei Obdachlose auf der Straße zu erfrieren drohen, wird der, der aus Polen stammt, nicht gerettet, sondern nur der aus Deutschland?

Nein, das heißt es zum Glück nicht. Eine Notfallversorgung bekommen alle Menschen. Jedoch auch wirklich nur eine Notfallversorgung. Ein Mann, der oft zu uns in die Teestube kommt, hat sich bei der Schwarzarbeit einen Trümmerbruch im Fuß zugezogen. Er wurde operiert und ihm wurden Stahlplatten eingesetzt. Die Platten müssten eigentlich wieder heraus, denn mit ihnen hinkt der Mann. Doch das gehört nicht mehr zur Notfallversorgung. Also muss er damit leben. Mit einer nicht lebensgefährlichen Erkrankung werden Menschen ohne Krankenversicherung von Ärzten weggeschickt. Obdachlose aus Osteuropa haben auch kein Recht auf einen Platz in einer Unterkunft, wenn es draußen bitter kalt ist.

Müssen sie dann draußen bleiben?

Nein, wir lassen sie schon bei uns übernachten. Aber sie sind eben auf Kulanz, auf Hilfe, angewiesen. Und wenn sie irgendwann auf der Straße sterben, wird sich noch um die Bestattungskosten gestritten.

Aber warum gehen diese Menschen dann nicht wieder zurück in ihre Heimat?

Weil sie dort auch nichts haben. Sie geben sich irgendwann auf. Viele versuchen sich in ihrer aussichtslosen Lage mit Alkohol zu betäuben

Was kann ihnen denn dann noch helfen?

Wir versuchen sie aufzufangen und zu verhindern, dass sie ganz abstürzen. Wir locken sie mit Freizeitangeboten in Gesellschaft und motivieren sie so, sich nicht völlig aufzugeben.

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