1. Startseite
  2. Rhein-Main
  3. Wiesbaden

Offensive für den Hausarzt

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Friederike Tinnappel

Kommentare

Es mangelt an Hausärzten.
Es mangelt an Hausärzten. © dpa

Sozialministerium und Unikliniken werben für eine Vereinfachung der Weiterbildung.

Im November 2011 wurde die einzige Hausarzt-Praxis in Berkersheim geschlossen – seitdem muss Frankfurts kleinster Stadtteil ohne einen Allgemeinmediziner auskommen. Im gesamten Frankfurter Stadtgebiet stehen derzeit nach Angaben der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen 33 Hausarzt-Praxen leer. KVH-Sprecherin Petra Benrich äußerte sich auf Anfrage jedoch zuversichtlich: „Es liegen genügend Bewerbungen vor.“ Doch das Problem, der drohende Hausärztemangel, ist erkannt: Die Weiterbildung nach dem Medizinstudium zum Arzt für Allgemeinmedizin soll einfacher werden.

Sozialminister Stefan Grüttner (CDU) und der Direktor des Instituts für Allgemeinmedizin an der Goethe-Universität, Ferdinand Gerlach, stellten am Mittwoch die beiden neuen „Kompetenzzentren Weiterbildung Allgemeinmedizin“ in Frankfurt und Marburg vor. Sie sollen junge Mediziner, die Hausarzt werden wollen, am besten noch im Studium unter ihre Fittiche nehmen, ihnen Gruppentreffen und Mentoren anbieten, die den Erfahrungsaustausch fördern und zum Beispiel vermitteln, wie man in der Praxis mit „schwierigen Patienten“ umgeht. Weiterbildungsverbünde sollen außerdem die jetzt unumgängliche und oft mühsame Stellensuche verhindern. Bisher müssen sich angehende Hausärzte selbst darum kümmern, dass sie 36 Monate in einer internistischen Klinik und 24 Monate in einer Praxis unterkommen. Nach Angaben von Gerlach dauert die Weiterbildung zum Allgemeinmediziner nur in der Theorie fünf Jahre, tatsächlich aber werde die Facharztprüfung erst nach neuneinhalb Jahren abgelegt.

Im Jahr 2025 werden, so Gerlach, in Hessen 1500 Hausärzte fehlen. Die Engpässe, die es jetzt schon auf dem flachen Land gibt, würden auch die Großstädte treffen. Für Frankfurt komme hinzu, dass die Stadt am Main wächst. Gerlach erklärt die immer stärker auseinanderklaffende Schere zwischen Nachfrage und Angebot so: Der durchschnittliche Hausarzt in Hessen ist 53 Jahre alt und geht erfahrungsgemäß mit 63 Jahren in Rente. Seine durchschnittliche Arbeitszeit beträgt 57,6 Stunden – solange wollten junge Mediziner heutzutage nicht mehr arbeiten. Die Bevölkerung werde immer älter und werde etwa 20 Prozent mehr ärztliche Zuwendung beanspruchen.

Mehrere größere Praxen

„Neue Hausärztinnen braucht das Land“ heißt die von Grüttner und Gerlach vorgestellte Offensive, die auch die Chancen, die der Hausarztberuf bietet, in den Vordergrund rücken will. Erika Baum, die die Allgemeinmedizin an der Marburger Uni leitet, betonte die Familienfreundlichkeit ihres Berufsstandes.

An der Uni arbeite sie nur halbtags. Seit mehr als 30 Jahren sei sie außerdem in ein und derselben Praxis tätig. „Mittags kann ich zu Hause sein und schnell mal gucken, was da los ist.“ Sie habe ihre Kinder auch schon mal zu Hausbesuchen mitgenommen.

Caroline Dietzel, die zu den umworbenen Nachwuchskräften zählt und selbst zwei kleine Kinder hat, räumte ein, dass es in der Klinik „schwer möglich sei, einfach mal den Stift fallen zu lassen.“ Dietzel konnte bereits erste Erfahrungen in einer Seminargruppe sammeln, die Teil der Kompetenzzentren ist.

Die klassische Hausarztpraxis wird es in Zukunft immer weniger geben. Stattdessen, meinte Gerlach, werden größere Praxen entstehen, in denen auch halbtags oder an bestimmten Tagen gearbeitet werde. Auch werde es in Zukunft mehr angestellte Ärzte geben. Einen ähnlichen Wandel des Berufsbildes diagnostizierte auch Katja Möhrle von der Landesärztekammer. Sie kann sich vorstellen, dass die Kommunen Praxisräume zur Verfügung stellen, in denen Ärzte Sprechstunden abhalten. Für die Patienten, die nicht so mobil sind, könnten Fahrdienste eingerichtet werden.

Einen guten, allerdings nicht ganz aktuellen Überblick über die Versorgung mit Haus- und Fachärzten in Hessen hat die Kassenärztliche Vereinigung zusammengestellt. Da kann man nachlesen, dass es in Frankfurt 448 Hausärzte gibt und einzelne Stadtteile wie das Gallusviertel, das Gutleutviertel und Schwanheim mit weniger Allgemeinmedizinern auskommen müssen als etwa das Nordend oder das Westend.

www.kvhessen.de, Versorgung heute

Auch interessant

Kommentare