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Notfall Krankenhaus

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Im Audimax der Hochschule Rhein-Main zeigte Günter Wallraff Ausschnitte aus seinem Film über die Mängel in Kliniken.
Im Audimax der Hochschule Rhein-Main zeigte Günter Wallraff Ausschnitte aus seinem Film über die Mängel in Kliniken. © Michael Schick

Überlastetes Personal, Hygienemängel, Protifmaximierung - was der Journalist Günter Wallraff über seine verdeckte Recherche in den Horst-Schmidt-Kliniken berichtet, bringt viele auf die Palme im Audimax der Hochschule Rhein-Main. Doch es gibt auch Kritik an Wallraff - er verwende Nazi-Vokabular, sagt ein anwesender Arzt.

Von Peter H. Eisenhuth

Den Saal betritt er durch einen Eingang neben der Bühne. Schwarze Jeans, dunkler Pullover, die dunkle Mütze bis zur Nasenwurzel gezogen. Erkannt wird er dennoch sofort, und sogleich brandet Applaus auf im Audimax der Hochschule Rhein-Main: Gut 700 Menschen haben sich versammelt, um vor allem Günter Wallraff zu hören.

„Notfall Krankenhaus“ ist die Veranstaltung betitelt, zu der die Gewerkschaft Verdi mit den Initiativen „HSK-pro-kommunal“ und „Gemeinwohl hat Vorfahrt“ eingeladen haben. Es geht um die Dr.-Horst-Schmidt-Kliniken, denen Wallraff mit seinem Team in einer Undercover-Recherche für RTL gravierende Mängel und Missstände vorgeworfen hatte.

Dass der Helios-Konzern, zu dessen Klinikkonsortium auch die HSK gehören, den Veranstaltern (vergebens) verbieten wollte, Ausschnitte des Films zu zeigen, hat das öffentliche Interesse eher noch beflügelt. Als Wallraff vom Einschüchterungsversuch der Helios-Anwälte hörte, habe er sein Kommen trotz fiebriger Erkältung definitiv zugesagt, berichtet Organisator Bodo Kettenberger.

Kampfeslust und bitteres Lachen

Die Stimmung im Saal schwankt im Laufe der Veranstaltung zwischen Betroffenheit und Kampfeslust, zwischen Mitgefühl für Patienten und Mitarbeiter der HSK und Wut auf Geschäftsführung und Politiker. Gesundheitsdezernent Axel Imholz hätte hier keinen angenehmen Abend verbracht. Gelacht wird auch viel, aber meist klingt es bitter. Wenn zu sehen ist, wie der skandalös anmutende Personalnotstand in der Notaufnahme des Klinikums die Pflegekräfte überfordert und auslaugt, wie sich niemand um hilflose Patienten kümmern kann, wie die Hygiene auf der Strecke bleibt, weil auch an Reinigungskräften gespart wird, wie billige Nadeln bei der Blutabnahme Venen zum Platzen bringen, wie Blut- und Urinproben falsch beschriftet werden – das alles geht an die Nieren.

Ein Einzelfall sei das beileibe nicht, sagt Wallraff und zitiert aus E-Mails von Pflegekräften und Ärzten anderer deutscher Krankenhäuser. „Ich habe den Beruf aus Liebe zu den Menschen gewählt, aber inzwischen ist von mir nicht mehr viel übrig“, habe ihm eine Krankenpflegerin geschrieben, in deren Klinik der Pflegeschlüssel mit einer Mitarbeiterin für 16 Patienten eigentlich schon unzumutbar hoch angesetzt sei – „in der Realität liegt er eher bei 1:20“. Warum, will Wallraff wissen, schreibt der Gesetzgeber nicht wie beim Mindestlohn auch einen Pflegeschlüssel vor? „Wahrscheinlich würde dann direkt 1:20 festgelegt“, ruft eine Zuhörerin.

Die Ursachen für die unhaltbaren Zustände in Kliniken wie der HSK lassen sich für Wallraff und Sylvia Bühler vom Verdi-Bundesvorstand („Es ist gesundheitsschädlich, im Gesundheitswesen zu arbeiten“) in einem Wort zusammenfassen: Profitmaximierung. „Der grundlegende Fehler ist, dass börsennotierte Unternehmen Geld mit Patienten verdienen wollen“, liest Wallraff aus dem Schreiben eines Arztes vor und verweist auf ein Helios-Papier: Sechs Jahre nach Übernahme eines Krankenhauses will der Konzern damit 12 bis 15 Prozent Gewinn machen.

„Das Schlimmste sind unsere Politiker“, moniert Bodo Kettenberger. „Sie schauen nicht nur zu, wie die einstige Vorzeigeklinik gegen die Wand gefahren wird, sondern lassen die Mitarbeiter auch noch im Regen stehen.“

Michael Leschnik, der stellvertretende DGB-Kreisvorsitzende, knüpft später an diesem Punkt an: „Jetzt verteilen sie alle Hochglanzbroschüren, aber wenn die Sprache auf Helios kommt, ducken sie sich weg“, schimpft er und empfiehlt: „Wir müssen nicht traurig sein, sondern einfach mal ins Rathaus gehen und die Herren besuchen.“

Da weht jener Hauch von Revolution durch den Saal. Natürlich zieht niemand los, es ist ja auch schon 21 Uhr. Stattdessen sieht sich Günter Wallraff plötzlich Kritik ausgesetzt. Er hatte davor gewarnt, ohne Moral und Ethik drohe die Humanmedizin zur „Tötungsmedizin zu werden“ – „ein Vokabular aus dem Dritten Reich“, verwahrt sich ein HSK-Chefarzt gegen solche Begriffe. „Ich empfinde es als Zumutung für Schwestern, Pfleger und Ärzte, wenn so über ihre Arbeit geredet wird“, sagt der Mediziner. Wir sind in einer schlimmen Situation, aber von Tötungsmedizin sind wir ganz, ganz weit entfernt.“

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