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„Nicht tolerieren, sondern akzeptieren“

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Von: Christina Franzisket

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Egal ob Mann und Frau, Frau und Frau oder Mann und Mann: „Liebe ist Liebe“, sagt Stedfeld.
Egal ob Mann und Frau, Frau und Frau oder Mann und Mann: „Liebe ist Liebe“, sagt Stedfeld. © Rolf Oeser

Die Vorbereitungen für den CSD laufen auf Hochtouren. Susanne Stadtfeld und Meike Vollmar vom Verein Warmes Wiesbaden gehören zu den Organisatorinnen. Im Interview verraten Sie, wie es sich anfühlt, in Wiesbaden homosexuell zu sein.

Vor drei Jahren wurde der Verein Warmes Wiesbaden gegründet, mit welchem Ziel?
Stedtfeld: In Wiesbaden gab es damals nichts, was für unsere Themen sexuelle Orientierung und Identität steht und was auch offen zugänglich war. Unser Ziel war aber ganz klar der CSD. Zu dem Zeitpunkt hatte es schon seit zwölf Jahren keinen CSD mehr in Wiesbaden gegeben. Und für eine Landeshauptstadt fanden wir das traurig.

Wie viele Mitglieder hat der Verein im Moment?
Stedtfeld: Etwa fünfzig.

Aber es gibt noch mehr Homosexuelle in Wiesbaden als diese fünfzig?
Beide: Ja sicher, viel mehr.

Ist Wiesbaden durch den Verein wärmer geworden?
Stedtfeld: Ja, weil wir das Thema konsequent gebracht haben. Wir haben auch einen guten Draht zum Oberbürgermeister, werden eingebunden in die Veranstaltungen im Hessischen Sozialministeriums, der Landtag lädt uns ein und für den CSD holen wir die Ortsbeiräte immer mit ins Boot. Wir zeigen uns, wir sind überall, bringen das Thema mit Energie und haben Wiesbaden so wärmer gemacht.

Vollmar: Und wir sind dabei, es noch wärmer zu machen. Wir haben die Demo als Fußgruppen-Demo konzipiert, um durch die Innenstadt zu laufen zu dürfen.

Das heißt, der CSD wird eine ernste Angelegenheit?
Vollmar: Nein, nicht nur. Aber mit einer Demo durch die Innenstadt können wir besonders viele Menschen erreichen. Das geht nur ohne Paradewagen. Wir möchten auch nicht nur Party machen, sondern unsere Anliegen kundtun und ernstgenommen werden. Natürlich wird es auch bunte Bilder geben, aber dahinter soll auch eine Botschaft vermittelt werden.

Was sind ihre Anliegen?
Vollmar: Wir wollen die rechtlich vollständige Gleichstellung. Das heißt, Öffnung der Ehe, vollständiges Adoptionsrecht, bessere rechtliche Rahmenbedingungen für Trans- und Intersexuelle.

Erleben Sie als Homosexuelle noch Diskriminierung in Wiesbaden?
Stedtfeld: Diskriminierung zeigt sich uns ganz klar, wenn wir mit unserem Projekt, das wir gemeinsam mit der Aidshilfe durchführen, an die Schulen gehen. In den Lehrbüchern wird Homosexualität nicht aufgegriffen und auf den Schulhöfen kursieren brutale Schimpfwörter, wie „Scheiß Schwuchtel“. Da wird ein sehr hässliches Bild von alternativen Lebensweisen gezeichnet. Das macht es gerade jungen Menschen schwer, einen Outing Prozess durchzustehen. Wir versuchen aufzuklären und den Kids die Angst zu nehmen.

Und sonst, auf der Straße?
Stedtfeld: Offene Diskriminierung hat man seltener. Das meiste verläuft verdeckt.

Welche Erfahrungen haben Sie gemacht?
Stedtfeld: Eines unserer Mitglieder ist in Wiesbaden von einem alten Mann bespuckt worden, als sie mit ihrer Partnerin Hand in Hand im Rheingauviertel spazieren ging. Mir ist es schon passiert, dass ich mit meiner Freundin im Park war und ein Mann gesagt hat, er möchte bei uns mitmachen. Solche sexualisierten Sprüche fängt man sich als lesbische Frau öfter mal ein.

Werden Schwule anders diskriminiert?
Stedtefeld: Männer machen mehr Gewalterfahrung. Mitgliedern unseres Vereins wurde sogar hier in Wiesbaden schon mal Gewalt angedroht, nur weil sie nah beieinander saßen.

Was sagt es denn über die Wiesbadener aus, dass ein schwuler Oberbürgermeister regiert?
Vollmar: Ich denke, es zeigt eine gewisse Offenheit der Wiesbadener, denn für sie ist seine sexuelle Orientierung nicht relevant, sondern seine politische Arbeit.

Stedtfeld: Und es ist schön, wenn die Diversität an Lebensentwürfen auch in politischen Ämtern abgebildet wird.

Wie kann der CSD hier in Wiesbaden denn noch gegen Diskriminierung helfen?
Stedtfeld: Es ist ein Tag der Sichtbarkeit. Beim CSD bringen wir Leute auf die Straße und zeigen: Hier, schaut mal, so bunt ist Wiesbaden. Und wir wollen dabei auch sagen, dass noch nicht alles gut ist und wir als Gesellschaft noch besser werden müssen.

Wie können wir denn noch besser werden?
Stedtfeld: In dem wir nicht nur tolerieren, sondern auch akzeptieren. Und es gut finden, dass wir unterschiedlich sind.

Interview: Christina Franzisket

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