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"Der Nervenkrieg geht weiter"

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Nach dem überstandenen Skandal erleben Hauseigentümer die zweite Katastrophe – nun warnen sie mit Bettlaken vor der Baufirma.

Von Gaby Buschlinger

Vor zweieinhalb Jahren haben Jacqueline Goedicke und Dennis Hartog die wohl größte Katastrophe ihres Lebens erlebt: Gerichte verfügten einen Baustopp für ihr fast fertiges Reihenhäuschen im Künstlerviertel. Das Paar durfte – wie 15 weitere Paare und Familien auch – die neuen, eigenen vier Wände nicht beziehen.

Nach monatelangem Bangen, ob sie jemals einen Cent ihrer investierten 230.000 Euro wiedersehen, war klar: Die Stadt entschädigt alle Hausbauer, schließlich war ein fehlerhafter Bebauungsplan schuld an dem Fiasko. Es hätte in der Fanny-Lewald-Straße noch nicht gebaut werden dürfen, weil direkt nebenan der Holzhändler Blum seinen Betrieb und seine Holzlagerhallen hat. Weder Brand- noch Lärmschutz waren gewährleistet.

Jacqueline Goedicke und Dennis Hartog wagten dann erneut einen Hausbau, sogar wieder im Künstlerviertel – allerdings weit weg von der Holzhandlung, in der Hertha-Genzmer-Straße. Im vergangenen Frühjahr sind sie in ihr Traumhaus eingezogen. Doch schon kurz danach bahnte sich die zweite Katastrophe an. Es wimmelt von massiven Baumängeln, ein Gutachter hat 96 auf einer Liste nach einer Begehung im vergangenen Mai notiert. „Doch die Baufirma Baustolz behebt die Mängel nicht oder verschlimmbessert nur hier und da mal was“, schüttelt Jacqueline Goedicke den Kopf.

Und sie ist nicht die einzige: Alle 16 Parteien der neuen Reihenhaussiedlung wollen Baustolz nun gemeinsam verklagen. Da die Stuttgarter Firma gleich nebenan einen zweiten Bauabschnitt mit zehn bis zwölf Häuschen plant, haben die verärgerten Kunden am Freitag Bettlaken an ihre Fenstergeländer gehängt. Aufschrift: „Nie wieder Baustolz“ Als Warnung für künftige Kunden, sagen Goedicke und Hartog sowie ihre Nachbarn Ulrike Heinzle und Torsten Anstatt.

Die Mängelliste reicht von einer schimmelnden Hausfassade über die nicht funktionierende Drainage bis zur ständig ausfallenden Pellet-Heizung. Doch Baustolz unternehme so gut wie nichts. Die vom Bauskandal 2009 vorgeschädigte Goedicke sagt: „Der Nervenkrieg geht weiter.“

Ein vom Gericht bestellter Gutachter soll nun die Mängel erneut auflisten und notfalls ein Gericht die Baufirma zur Mängelbehebung zwingen. „Wir reklamieren nicht, dass Fehler passieren“, sagt Ulrike Heinzle. „Aber wir reklamieren, dass sie nicht behoben werden.“

Die Firma Baustolz weist alle Vorwürfe von sich: „Die Dinge werden von den Eigentümern komplett verdreht“, sagt der technischer Leiter, Helmut Kilger, der Frankfurter Rundschau. Viele Mängel seien keine, weil anderes vereinbart worden sei, als nun behauptet werde.

Kilger seufzt: „Die Wiesbadener wollen nur die Nachteile sehen.“ Die Firma habe schon „viele Dinge beseitigt, aber das wird nicht anerkannt“. Über das angestrebte gerichtliche Beweisverfahren ist Kilger „froh“: „Wir brauchen endlich eine korrekte Mängelliste.“

Baustolz – eine Discount-Tochter der Ludwigsburger Baufirma Strenger – genießt in der Tat einen guten Ruf. „Wir bauen 200 Wohneinheiten im Jahr“, sagt Kilger. Bislang vorwiegend im süddeutschen Raum, aktuell wird in Hattersheim gebaut. Um günstige Preise anbieten zu können, verkauft Baustolz nur standardisierte Häuser und verzichtet auf einen Bauleiter vor Ort. Kommuniziert wird per Mail-Box und E-Mail.

„Als Konsequenz aus den Problemen mit Wiesbaden haben wir jetzt eine Telefon-Hotline eingeführt, damit die Erwerber ihre Beschwerden erklären können.“ Das helfe, Missverständnisse zu vermeiden. Problematisch ist zudem, dass die Stuttgarter Firma mit Handwerksbetrieben aus der Region zusammenarbeitet – und die beauftragen wegen der langen Anfahrt nach Wiesbaden oft Subunternehmen, wie die Hauskäufer erlebt haben. Das mache Reklamationen auch schwierig.

Das Nachbargrundstück hat Baustolz bereits gekauft, kürzlich wurde dort alles Gestrüpp weggerupft. Doch wann die Bagger anrollen können, ist unklar. Die angrenzende Bürgersteigreinigung Tress will zwar wegziehen und hat auch schon ein Ersatz-Grundstück in Schierstein im Auge. Aber noch werde mit dem privaten Besitzer über den Preis verhandelt, sagt Firmeninhaber Peter Tress. Und so lange Tress’ Straßenfeger ihr Domizil im Künstlerviertel haben und hier den ganzen Tag ein- und ausfahren, so lange dürfen nebenan aus Lärmschutzgründen keine Häuser bezogen werden.

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