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Nazi oder Held?

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Militärhistoriker Sönke Neitzel spricht über den Widerstandskämpfer Ludwig Beck.
Militärhistoriker Sönke Neitzel spricht über den Widerstandskämpfer Ludwig Beck. © FR/Schick

Der Militärhistoriker Sönke Neitzel spricht im FR-Interview über nationalsozialitische Tendenzen und vorbildliches Verhalten des Widerstandskämpfers Ludwig Beck.

Herr Neitzel, der Beck-Preis wird in diesem Jahr nicht verliehen. Stattdessen soll ein Symposium die Vergabekriterien überdenken. Können Sie sich vorstellen, warum?

Mit dem Beck-Preis ist ein sehr großer Name verbunden und das Verhalten in einer Diktatur unter Lebensgefahr. Ich könnte mir vorstellen, dass man inzwischen gemerkt hat: Es gibt eine gewisse Diskrepanz zwischen dem, was die bisherigen Preisträger getan haben und dem, was Beck getan hat.

Der Oberbürgermeister denkt daran, den Preis national vielleicht gar international auszuschreiben. Was halten Sie davon?

Das würde dem Preis sicher gut tun, schon weil sich der Kreis potenzieller Preisträger erweitert. Es könnte etwa eine russische Journalistin ausgezeichnet werden, die unter Einsatz ihres Lebens Missstände anprangert.

Ein Preis, der nach dem ehemaligen Generalstabschef Hitlers benannt ist, könnte im Ausland für Missstimmung sorgen. Sollte das Symposium nicht auch den Namen des Preises überdenken?

Nein. Ich glaube, dass Ludwig Beck ein ganz hervorragender Namensgeber ist, wenn man Zivilcourage auszeichnen will. Er hat für seine Werte gehandelt, gegen die Masse, gegen die ihn umgebenden Militärs. Dafür verdient er höchsten Respekt.

Laut der jüngst erschienenen Beck-Biografie hat Generaloberst Beck nach der Reichstagswahl 1933, bei der Hitlers NSDAP 43,9 Prozent der Stimmen erhielt, gejubelt: "Der erste große Lichtblick seit 1918." War Ludwig Beck kein Nationalsozialist?

Beck war ein konservativer Militär.

...den Reichswehrminister Groener bereits 1930 "wegen nationalsozialistischer Tendenzen" aus der Reichswehr ausstoßen wollte.

Beck stand zunächst den Nationalsozialisten durchaus nahe. Aber wenn wir uns den konservativen Widerstand im Dritten Reich ansehen, etwa den preußischen Finanzminister Popitz, Ulrich von Hassel oder Canaris, dann sind das alles Leute, die sehr oft der Weimarer Republik reserviert gegenüberstanden und Hitler unterstützten - schließlich aber in einem komplizierten Prozess in den Widerstand fanden. Beck hat einen ähnlichen Wandel durchlaufen wie Generalmajor Henning von Tresckow oder Graf von Stauffenberg.

Als Beck im Zusammenhang mit dem Arierparagraphen gefragt wurde, ob jüdische Soldaten wirklich ausgeschlossen werden sollen, hat er der Entwicklung freie Bahn gegeben, oder?

Er hat zumindest in den offiziellen Akten oder Protokollen keine Kritik geäußert. Was wir nicht wissen ist, wie er sich möglicherweise intern geäußert hat.

Aber offiziell hat er keine Partei für die Juden ergriffen?

Er war zu diesem Zeitpunkt noch nicht bereit, gegen das Regime zu handeln.

Beck wirkte als Generalstabschef maßgeblich an der Planung der Zerschlagung der Tschechoslowakei mit, hielt aber den Angriffstermin im Jahr 1938 für zu früh. Überwarf er sich nur deshalb mit Hitler und trat am 18. August von seinem Posten zurück?

Ludwig Beck hätte offiziell unmöglich sagen können, dass er die Angriffspläne moralisch für verwerflich hält. Er begründete seinen Protest professionell militärisch, da er ja auch wollte, dass andere Offiziere ihm folgten. Beck hatte damals aber bereits erkannt, dass sein Modell von einem idealen Staat, der wie im Kaiserreich auf den zwei Säulen Politik und Militär ruhen sollte, nicht das Modell der Nationalsozialisten ist.

Beck ist also aus gesellschaftspolitischen Gründen zurückgetreten, nicht aus militärischen?

Ja. Er hatte eine andere Vorstellung vom Staat als die Nazis, und 1938 wollte er nicht weiter akzeptieren, wohin die Reise geht. Er wollte auch nicht für sich allein zurücktreten, sondern hoffte auf eine konzentrierte Aktion der Generalität. Aber keiner folgte ihm. Daran erkennt man Becks besondere moralische Qualität.

Die wäre?

... dass er eben der Einzige aus seiner Elite, seiner Profession war, der diese Konsequenz zog.

Ist Beck ein Held?

Den Helden, den reinen edlen, gibt es für mich als Historiker nicht. Aber meine Aufgabe ist es auch nicht, einen Preis für Zivilcourage zu verleihen. Das ist Aufgabe der Politik. Ein Preis hat immer etwas Symbolhaftes.

Aber angesichts von Becks Zweideutigkeit und seiner für uns unvertretbaren Züge: Warum muss ausgerechnet er Namensgeber eines Preises für Zivilcourage in einer demokratischen Gesellschaft sein?

Wenn wir einen Preis nach einer historischen Person benennen, müssen wir akzeptieren, dass dieser Mensch aus einer Zeit kommt, die mit unseren Werten möglicherweise nicht vereinbar ist. Bei dem frühen Konrad Adenauer würde man sicher auch Elemente finden, die sich mit unseren heutigen Vorstellungen nicht mehr eins zu eins vereinbaren lassen.

Aber ein Hans Scholl etwa wäre als Namensgeber doch recht unproblematisch, oder?

Hans Scholl diente als Sanitätsfeldwebel an der Ostfront, auch er war also ein Teil der Wehrmacht. Menschen sind facettenreich und widersprüchlich. Es gibt viele Straßen, die wir heute nicht mehr so benennen würden. Trotzdem sind sie Teil unserer Geschichte, unseres kollektiven Gedächtnisses.

Wie etwa die Hindenburgstraßen?

Ja. In Mainz gab es etwa eine große Diskussion, als in diese Straße eine Synagoge gebaut werden sollte.

Der Beck-Biograph Klaus-Jürgen Müller hat festgestellt, dass der Generaloberst fast ausschließlich unter dem "exklusiven Gesichtspunkt seiner späteren Rolle im Widerstand" gesehen wird. Der "eigentliche Beck, der Stratege der deutschen Aufrüstung unter Hitler" werde im Interesse einer "unreflektierten Heroisierung" ignoriert. Ist das legitim?

Ja, das ist es. Wir können uns das Element aus der Beck-Biografie herausnehmen, das wir für vorbildlich halten: seinen Widerstand gegen Hitler, für den er mit dem Leben büßte.

Kann Befehlsverweigerung und geplanter Tyrannenmord denn ein Vorbild sein?

Das muss jeder mit seinem eigenen Gewissen ausmachen. Beck hat letztlich für den Tyrannenmord gesprochen. Ich persönlich halte das für legitim.

Aber wie könnte man mit dem Beck-Preis etwa einen Tschechen oder Polen auszeichnen?

Man sollte sich nicht zu sehr einschränken lassen von dem, was andere vielleicht dazu sagen könnten. Wiesbaden sollte selbstbewusst zu den eigenen Köpfen und der Geschichte stehen.

Die Werbung für den Preis über Wiesbaden hinaus würde also Zivilcourage erfordern?

Ja. Aber Wiesbaden könnte das Eis brechen, was den in Deutschland noch immer sehr verkrampften Umgang mit Bundeswehr, Soldaten oder historischen Militärs angeht.

Wem würden Sie denn den Ludwig-Beck-Preis 2009 verleihen, wenn er vergeben würde?

Ich würde den Preis an jemand vergeben, der unter Einsatz seines Lebens gegen die Norm seines sozialen Umfelds gehandelt hat - und mit dessen Aktion wir uns identifizieren können.

Ist das nicht ein bisschen sehr hoch gehängt?

Für einen Preis, der an Wiesbaden gebunden ist, ja. International betrachtet, nein.

Interview: Sabine Müller

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