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Nachhaltiges Bauen in Wiesbaden

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Von: Mirjam Ulrich

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Einst ein Stellwerk, jetzt ein Kinder- und Jugendtreff. Für den Umbau gab es bereits Preise.
Einst ein Stellwerk, jetzt ein Kinder- und Jugendtreff. Für den Umbau gab es bereits Preise. © Frank-Michael Feine

Nachhaltige Lösungen gibt es beim Tag der Architektur in Wiesbaden zu sehen. Der Umbau eines früheren Stellwerks in einen Jugendtreff hat bereits entsprechende Preise gewonnen.

Das Haus der Pallottiner stand schon lange leer, die Pater waren fortgezogen. Das Haus der Kommunität, das hinter Gründerzeitvillen an der Bertha-von-Suttner-Straße lag, war zudem sanierungsbedürftig. Die katholische Ordensgemeinschaft mit Hauptsitz in Bayern entschied daher, stattdessen ein Mehrfamilienhaus zu bauen: den „Campo Pallotti“ mit zehn Mietwohnungen. Es handelt sich um das einzige Mehrfamilienhaus Deutschlands in Leichtbetonbauweise.

Der Neubau zählt zu den zehn Bauwerken in Wiesbaden, die am „Tag der Architektur“ unter fachkundiger Führung besichtigt werden konnten. „Die Patres wollen immer eine nachhaltige Lösung“, sagte Projektleiter Daniel Tittiser von MMZ Architekten. Das Offenbacher Architekturbüro verwirklichte bereits einige Projekte für die Pallottiner. Leichtbeton enthält Blähton und verfügt somit über eine gute Wärmedämmung. In der Fassade des unverputzten Hauses sind Schalungsfugen und -anker zu erkennen, das Handwerk soll „ablesbar“ bleiben. „Die Nachbarn waren anfangs skeptisch wegen des Sichtbetons“, berichtete Tittiser. „Wir mussten Überzeugungsarbeit leisten.“ Als einzigen Farbakzent bekam die Außenverkleidung der Vollholzfenster einen goldenen Ton.

Die Patres legten auch in den Wohnungen, die zwischen 60 und 120 Quadratmeter groß sind, Wert auf hochwertige Materialien. So wurde etwa Parkettfußboden verlegt. In jedem Raum sind die Wände weiß verputzt, bis auf eine. Der nackte Beton fühlt sich samtig und gar nicht kalt an. „Die Idee ist, das Material ehrlich zu lassen und mit Kontrasten zu arbeiten“, erläuterte die Architektin Daniela Gremmer, Geschäftsführerin von MMZ Architekten. „Die Räume sind der Hintergrund für das bunte Leben darin.“ Der „Campo Pallotti“ zählt bereits zu den 50 besten Wohnbauten des Jahres 2022 – der Sieger des Wettbewerbs wird im Herbst bekannt gegeben.

Zwei Auszeichnungen für nachhaltiges Bauen gewann im Vorjahr der Kinder- und Jugendtreff im ehemaligen Stellwerk an der Holzstraße. „Es ist die letzte Landmarke, die darauf hinweist, dass hier einmal der Güterbahnhof der Stadt war“, sagte Frank-Michael Feine. Der Vorsitzende von Casa Wiesbaden – Centrum für aktivierende Stadtteilarbeit kämpfte 15 Jahre lang für den Erhalt des Bauwerks. Das Wiesbadener Büro A-Z Architekten sanierte es und baute es um. „Bei einem so knappen Budget ist es das Beste, auch einmal etwas wegzulassen“, sagte Architekt und Geschäftsführer Holger Zimmer. Zugleich achteten er und sein Team auf Nachhaltigkeit.

Im Inneren des ehemaligen Stellwerks verzichteten die Architekten auf Putz und ließen die Leitungen offen verlegen. Die Heizkörper wurden nur mit Klarlack lackiert, Küchenzeile, Türen und Möbel aus Grobspannplatten angefertigt. All das unterstreicht den Charme des Gebäudes und lässt es seine Geschichte erzählen. Für die Außenfassade wählten sie eine Verkleidung aus regionalem Fichtenholz. Bereits nach wenigen Wochen erschienen darauf die ersten Graffitis, bedauert Zimmer. Frank-Michael Feine setzte daher durch, die Fassade vom Wiesbadener Street Art-Künstler Manuel Gerullis gestalten zu lassen.

Bislang bezahlte Casa Wiesbaden für die Sanierung 380 000 Euro, das Geld kam größtenteils von der Stadt und dem Ortsbeirat Rheingauviertel-Hollerborn. 80 000 Euro erhielt der gemeinnützige Verein als Spenden, davon 50 000 von der Ikea-Stiftung. Casa Wiesbaden benötigt jedoch weitere Spenden: Zum einen sind noch höhere Rechnungen offen, zum anderen noch Arbeiten zu erledigen wie etwa der Ausbau der Dachterrasse. Dass sich die Kosten lohnen, zeigt sich an der jüngsten Ehre für das ehemalige Stellwerk: Es wurde als eines von 30 internationalen Bauwerken für eine Ausstellung des Deutschen Architekturmuseums im Herbst ausgewählt.

Aus der Biedermeierzeit stammt das grüngraue Haus am unteren Ende der Luisenstraße, in dem seit Ende 2020 die Kriminologische Zentralstelle und die Nationale Stelle zur Verhütung von Folter ansässig sind. Das Gebäude wurde 1830 als zweigeschossiges Wohnhaus errichtet, 1890 erhielt es ein drittes Stockwerk, einen Anbau und ein Seitengebäude. Mit viel Liebe für historische Details wurde das denkmalgeschützte Ensemble von Turkali Architekten aus Frankfurt bedarfsgerecht saniert und ertüchtigt.

Beim Campo Palotti haben die Bauherren auf Sichtbeton gesetzt.
Beim Campo Palotti haben die Bauherren auf Sichtbeton gesetzt. © Monika Müller

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