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Die Nein-Sager haben gewonnen: Die Citybahn wird nicht gebaut.

Wiesbaden

Aartalbahn als Ersatz im Gespräch

  • Madeleine Reckmann
    vonMadeleine Reckmann
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Stillgelegte Strecke soll geprüft werden. Verkehrsdezernent Andreas Kowol räumt Fehler ein, will aber nicht zurücktreten.

Am Tag nach dem haushohen Sieg der Citybahn-Gegnerinnen und -gegner beim Bürgerentscheid geht Verkehrsdezernent Andreas Kowol (Grüne) auch mit sich selbst ins Gericht. „Wir hätten ganz zu Beginn des Planungsprozesses die Bürger besser informieren müssen“, gesteht Kowol der FR gegenüber Fehler ein. Ein solch großer Widerstand sei 2016, als erste Überlegungen für die Bahn entstanden, jedoch nicht absehbar gewesen. Als 2017 sieben von acht Fraktionen den Stadtverordnetenbeschluss für den Planungsbeginn trugen und auch die Kosten-Nutzen-Untersuchung so eindeutig für die Bahn sprach, habe Optimismus geherrscht. „Wir waren uns sicher, dass wir jeden überzeugen können“, sagt Kowol.

Bei den Bürgern sei indes der Eindruck entstanden, das Projekt werde ihnen „übergestülpt“. Die Machbarkeitsstudie hätte 2016 schon in Bürgerversammlungen vorgestellt werden müssen, sagt Kowol, auch das Mobilitätsleitbild hätte am Beginn stehen müssen und nicht mittendrin. Später hätten die Vorbehalte nicht mehr gerade gerückt werden können.

An Rücktritt denkt der 58 Jahre alte Betriebswirt, der auch Chemie und Biologie studiert hat, trotz der Niederlage nicht. Er will auch nicht die Hände in den Schoß legen. Jetzt gelte es, andere Lösungen für die Verkehrsprobleme zu finden, auch wenn dies jetzt „ungleich schwerer“ werde.

Abstimmung

62,1 Prozent der Wiesbadenerinnen und Wiesbadener sagen Nein zur Citybahn, nur 37,9 Prozent sind dafür.

Etwa 96 600 der 210 000 Wahlberechtigten haben ihre Stimme am Sonntag abgegeben. Das erforderliche Quorum wurde damit erreicht, die Wahlbeteiligung lag bei etwa 46 Prozent.

Am Sonntag hatten mehr als 60 Prozent der Wähler dafür gestimmt, die Straßenbahn nicht zu bauen. Außer in der Innenstadt und zwei Kasteler Bezirken votierten alle Stadtteile mehrheitlich für ein Nein.

Das macht auch den Bad Schwalbacher Bürgermeister Markus Oberndörfer (SPD) ratlos. „Wir haben bewusst keinen Plan B“, sagt er der FR. Frank Kilian, Landrat des Rheingau-Taunus-Kreises, und ÖPNV-Dezernent Günter F. Döring sind ebenfalls enttäuscht. Der Kreis habe große Hoffnung auf die Citybahn gesetzt, die Bad Schwalbach und Taunusstein mit Wiesbaden und Mainz verbinden sollte. Nun sei auszuloten, welche Möglichkeiten für einen schienengebundenen Verkehr es noch gebe.

Der Reaktivierung der stillgelegten Aartalbahn als Ersatz für die Citybahn, die jetzt unter anderem das rheinland-pfälzische Verkehrsministerium favorisiert, stehen Oberndörfer und Kowol skeptisch gegenüber. Denn die Aartalbahn würde nicht durch die Wiesbadener Innenstadt, sondern über den Stadtteil Dotzheim fahren. „Verkehrsmittel werden nur angenommen, wenn sie die Zentren verbinden“, sagte Oberndörfer. Zudem gebe es dafür kein Fördergeld. Kowol ist dennoch zu einer erneuten Prüfung der Aartalbahnstrecke bereit. Rheinland-Pfalz befürwortet eine umsteigefreie Verbindung aus dem Aartal nach Mainz und Wiesbaden, für die auch umweltfreundliche Antriebsformen zum Einsatz kommen könnten.

Auch aus Mainz, von wo aus die Citybahn hätte starten sollen, kommt Bedauern. „Das ablehnende Wiesbadener Votum zur Citybahn ist aus unserer Warte ein Rückschlag für die Verkehrswende in Rhein-Main, da mache ich aus meiner Enttäuschung keinen Hehl“, sagte Oberbürgermeister Michael Ebling (SPD) auf Anfrage. Mainz setze aber weiter auf die Schiene. „Wir werden unsere Ausbaupläne vorantreiben.“

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