Bitte deaktivieren Sie Ihren Ad-Blocker

Für die Finanzierung unseres journalistischen Angebots sind wir auf die Anzeigen unserer Werbepartner angewiesen.

Klicken Sie oben rechts in Ihren Browser auf den Button Ihres Ad-Blockers und deaktivieren Sie die Werbeblockierung für FR.de. Danach lesen Sie FR.de gratis mit Werbung.

Lesen Sie wie gewohnt mit aktiviertem Ad-Blocker auf FR.de
  • Zum Start nur 0,99€ monatlich
  • Zugang zu allen Berichten und Artikeln
  • Ihr Beitrag für unabhängigen Journalismus
  • Jederzeit kündbar

Sie haben das Produkt bereits gekauft und sehen dieses Banner trotzdem? Bitte aktualisieren Sie die Seite oder loggen sich aus und wieder ein.

Andy Reymann und seine Schätze: Halsketten aus Namibia und Feder-Kopfschmuck aus Brasilien.
+
Andy Reymann und seine Schätze: Halsketten aus Namibia und Feder-Kopfschmuck aus Brasilien.

Museum Wiesbaden

Museum Wiesbaden erforscht Sammlungsgut aus Kolonialzeit

  • Madeleine Reckmann
    VonMadeleine Reckmann
    schließen

Das Museum Wiesbaden beteiligt sich am bundesweiten Projekt zur Digitalisierung des Sammlungsguts aus Kolonialzeiten. Es geht darum, vergangenes Unrecht transparent zu machen.

In der mit Lederbändern und Eisenkugeln besetzten Schildkröttasche haben die Frauen der namibischen San-Kultur Parfüm bei sich getragen. Vielleicht schmückten sie sich dann auch mit Ketten aus Straußeneiperlen. Beide Gegenstände sind schon lange im Besitz des Landesmuseums Wiesbaden. Der Ethnoarchäologe Andy Reymann hat sich eingehend mit ihnen beschäftigt. Die Objekte stammen aus dem Nachlass des in Wiesbaden geborenen Karl Berger, dessen Erben die Exponate mit einem Konvolut von Jagdwaffen, Schmuck und Alltagsgegenständen aus Afrika in den 1970er und 1980er Jahren ins hessische Museum brachten. Berger war 1895 als Missionar nach Namibia ausgewandert und wurde später Farmer. Bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts sammelte er begeistert Artefakte und Naturobjekte aus der Region, in der er lebte.

Um mehr über deren Herkunft zu erfahren, ist Reymann dabei, die Parfümtasche, die Straußeneikette und andere Objekte zu digitalisieren. Sie sollen den Fachleuten der ganzen Welt zugänglich gemacht werden, damit das Unrecht der Kolonialzeit aufgearbeitet werden kann. Das Museum Wiesbaden beteiligt sich mit 24 anderen Institutionen an dem deutschlandweiten Pilotprojekt „Drei-Wege-Strategie“, um die Digitalisierung des Sammlungsguts aus Kolonialzeiten zu beschleunigen. „Das Ergebnis soll mit größtmöglicher Transparenz und Barrierefreiheit zugänglich gemacht werden“, sagt Wissenschafts- und Kunstministerin Angela Dorn (Grüne). In Hessen beteiligt sich noch die Phillips-Universität Marburg an dem Projekt.

Schritte zu mehr Klarheit

Im ersten Schritt sollen die Institutionen bis Herbst 2021 jeweils 300 Objekte, die bis dahin nirgendwo in Katalogen verzeichnet sind, in der Deutschen Digitalen Bibliothek in Berlin veröffentlichen. Mittelfristig sind – als zweiter Schritt – alle Exponate dort zu publizieren. Drittens sind mit den Herkunftsgesellschaften oder Herkunftsstaaten Standards zu erarbeiten, wie die Objekte mehrsprachig beschrieben und erforscht werden können. „Erst dann können Absprachen für die Restitution getroffen werden“, erklärt Andreas Henning, Direktor des Museums Wiesbaden, der nichts von pauschalen Urteilen über die Rückgabe der Sammlungsstücke hält. Das Pilotprojekt ermögliche es, die Aktivitäten von Forschern, Sammlern und Missionaren des 19. und 20. Jahrhunderts darzustellen. Sie hätten fachübergreifend und repräsentativ gesammelt, denn es habe damals gegolten und gelte bis heute, die Geschichten menschlicher Gemeinschaften zu bewahren und respektvoll zu vermitteln. Nur die einzelne Geschichte eines Exponats könne die Ansprüche der Herkunftsgesellschaft herleiten. „Es geht um die faire Zusammenarbeit“, sagt Henning.

Ob Tasche und Kette legal erstanden wurden, ist unklar. Wer hat ein Anrecht auf ihren Besitz? Auch über die genaue Herkunft weiß Reymann noch zu wenig. „Die Dinge, typische Gegenstände aus der Alltagskultur der San, könnten ein Zeichen für einen regen Austausch sein, den Berger auf seiner Farm in einem fruchtbaren Landstrich am Rande der Kalahari-Wüste mit den Jägern und Sammlern pflegte. So waren Schmuckstücke aus Straußeneiperlen ein typisches Zierobjekt, aber auch eine weit gehandelte Ware“, vermutet Reymann. Vielleicht habe Berger sie von den ursprünglichen Besitzern als Tauschobjekt erhalten. Oder aber von Händlern oder anderen Sammlern gekauft, und in Wahrheit liege ihr Ursprung in einer anderen Region.

Über die Sammlung Karl Berger erhofft sich Reymann auch Aufschluss durch dessen schriftlichen Nachlass im Archiv der Vereinigten evangelischen Missionare. „In seinen Briefen berichtet Berger von erworbenen Stücken“, erzählt er. Aber die Briefe müssten noch entziffert werden. Durch die Digitalisierung könnte Reymann im Austausch mit Fachleuten im In- und Ausland Antworten auf offene Fragen erhalten.

Bei den 300 zu digitalisierenden Objekten des Museums liegt der Schwerpunkt auf Afrika. Reymann arbeitet aber auch die Sammlung Wilhelm Brambeer aus Brasilien dafür auf. Der Kaufmann und spätere Konsul des deutschen Reiches aus Hamburg lebte von 1854 bis in die 1870er Jahre in Belem do Para im Norden des Landes. Um das Jahr 1870 ließ er sich mit seiner Familie in Wiesbaden nieder. Zu seiner Sammlung gehören einige Exponate eines äußerst seltenen Federschmucks, der aus dem Amazonasgebiet stammt.

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare