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Monatskarte weg - kein Ersatz

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Das Busunternehmen Eswe ersetzt einer Hartz-IV-Empfängerin die geklaute Monatskarte nicht - bei anderen Kunden zeigt es hingegen Kulanz.
Das Busunternehmen Eswe ersetzt einer Hartz-IV-Empfängerin die geklaute Monatskarte nicht - bei anderen Kunden zeigt es hingegen Kulanz. © FR/Wegst

Eine Wiesbadener Hartz-IV-Empfängerin sieht sich vom Busunternehmen Eswe diskriminiert. Während es bei "normalen" Fahrgästen Kulanz zeigt, schaltet es bei ihr auf stur. Von Bastian Beege

Von Bastian Beege

Hartz-IV-Empfänger haben es im Leben oftmals nicht leicht - wobei die Grenzen zur Diskriminierung mitunter fließend zu sein scheinen. So auch im Fall einer Wiesbadenerin, deren Monatskarte für die städtischen Eswe-Busverkehrsgesellschaft im Herbst gestohlen wurde. "Ich war beim Einkaufen, als man mir die komplette Brieftasche entwendete", erzählt Dietlinde S. nun der Frankfurter Rundschau. Die Polizei nahm den Diebstahl auf, und das Wichtigste schien geklärt - dabei sollte der Ärger anschließend erst richtig losgehen.

Dietlinde S. ging zur Mobilitätszentrale der Eswe, um einen Ersatz für den Verlust der gestohlenen Monatskarte zu erhalten. Doch sie wurde abgewiesen. "Man sagte mir, dass nur normale Abo-Kunden bei Diebstahl auf Kulanzbasis Ersatz für ihre Wertmarke bekommen, da diese Kunden direkt bei der Eswe gespeichert sind." Bei Hartz-IV-Empfängern hingegen wird die besonders gekennzeichnete Kundenkarte vom zuständigen Sozialamt ausgestellt - mit dieser Kundenkarte erhalten deren Inhaber dann einen Monatsfahrschein zum ermäßigten Preis. Dabei macht die Eswe kein Verlustgeschäft, denn die Differenz zum Normaltarif wird vom Sozialamt übernommen.

Den Verlust hatte in diesem Fall ausschließlich die bestohlene Kundin. "Das ist Diskriminierung und verstößt gegen den Gleichbehandlungsartikel des Grundgesetzes", ereifert sich Dietlinde S. Die gelernte Juristin kämpft nun schon seit vielen Wochen um Gerechtigkeit - bislang ohne Erfolg. Auf wiederholte Schreiben bereits im Oktober teilte ihr Eswe-Verkehr lediglich mit, dass diese "nicht zuständig" sei und sich die Kundin "an das zuständige Amt in Wiesbaden" wenden solle.

Allerdings hatte Dietlinde S. nicht nur die ohnehin kostenlose Kundenkarte vom Sozialamt verloren, sondern auch das rund 50 Euro teure Monatsticket - und dieses wird nur von Eswe ausgegeben. Dass es ihr um eben dieses Ticket gehe, darauf hatte die Betroffene in einem Schreiben an das Busunternehmen explizit hingewiesen.

Auch eine Beschwerde beim Fahrgastbeirat der Eswe half nicht. In einem entsprechenden Schreiben vom 11. Dezember heißt es: "Eswe-Verkehr ist grundsätzlich um kulante Regelungen gegenüber Fahrgästen bemüht; dennoch ist eine entsprechende Entscheidung einzelfallabhängig." Es läge somit kein Verstoß gegen das Gleichbehandlungsgesetz vor.

Dietlinde S. hält dagegen. "Kulanz darf nicht bedeuten, dass eine bestimmte soziale Gruppe grundsätzlich benachteiligt wird." Sie wendet sich nun mit einem Appell an die Öffentlichkeit: "Es kann nicht sein, dass Menschen in zwei Klassen eingeteilt werden."

Auf Nachfrage der Frankfurter Rundschau bestätigte der Sprecher der Eswe Holger Elze die gängige Kulanz-Erstattungspraxis grundsätzlich und ergänzte: "Im Unterschied zur normalen persönlichen Kundenkarte sind Sozialkarten nicht mit Lichtbild versehen - sie sind folglich übertragbar." Mit anderen Worten: Es komme hier leichter zu Missbrauch, ohne eine genaue Prüfung könne es deshalb keine Erstattung geben. "Wenn die Person einen Diebstahl allerdings klar nachweisen kann, wäre das für uns schon sehr hilfreich." Tatsache ist: Dietlinde S. konnte den Diebstahl nachweisen - davon zeugen sowohl die Strafanzeige als auch das Vernehmungsprotokoll der Polizei. Doch was noch schwerer wiegt: Tatsächlich ist auch die besondere Kundenkarte für Hartz-IV-Empfänger mit Name, Lichtbild und persönlicher Kundennummer versehen, die auf der Monatskarte eingetragen werden muss.

Eswe-Sprecher Elze ruderte in einem weiteren Gespräch dann auch zurück: Grundsätzlich spreche nichts dagegen, auch einem Sozialhilfeempfänger die gestohlene Fahrkarte zu ersetzen. Er könne sich auch "nicht vollständig" erklären, weshalb es im genannten Fall zu Komplikationen gekommen sei.

Also alles bloß ein Missverständnis? Ob Dietlinde S. ihre Monatskarte nun ersetzt bekommt, ließ Elze allerdings offen.

Dietlinde S. ist überzeugt, dass Geschehnisse solcher Art bei Hartz-IV-Empfängern kein Einzelfall sind. Die 60-Jährige ist erst vor Kurzem nach vielen Jahren im Ausland nach Deutschland zurückgekommen. Ihr Traum: Bald eine eigene Kanzlei zu eröffnen und genau solchen Menschen zu ein bisschen mehr Gerechtigkeit zu verhelfen.

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