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Aufbau eines Windrads in Weilrod im Taunus.
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Aufbau eines Windrads in Weilrod im Taunus.

Wiesbaden

„Ministerin muss die Richtung vorgeben“

  • Madeleine Reckmann
    VonMadeleine Reckmann
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Alexander Koffka vom Windkraftentwickler ABO Wind über die Hohe Wurzel, Rotmilane und die Politik.

Überall nimmt die Energiewende Anlauf. Neunzig Prozent der im Vorjahr weltweit neu installierten Kraftwerke nutzen Wind oder Sonne als Energieträger. Doch in Hessen lahmt der Ausbau der Windkraft seit Jahren. Jetzt veröffentlicht die Landesregierung einen neuen Erlass zum Artenschutz, mit dem der Windparkausbau Fahrt aufnehmen könnte.

Herr Koffka, wird jetzt alles gut?

Der Erlass zum Artenschutz ist ganz vernünftig. Ich hoffe, dass er hilft, aber es auch hat lange gedauert.

Auf der Hohen Wurzel hat auch der Wiesbadener Versorger Eswe Probleme, seine Pläne für einen Windpark umzusetzen, weil Bürgerinitiativen und andere Akteure dagegen klagen …

Wir hätten damals auch gern mit der Stadt Wiesbaden einen Pachtvertrag abgeschlossen, um auf der Hohen Wurzel einen Windpark zu planen und zu errichten. Im Rückblick sind wir nicht traurig, dass wir nicht zum Zug kamen. Wir haben auch immer mal Projekte, an denen wir viele Jahre arbeiten und die wir dann fallenlassen müssen. In Geisenheim war das so, wir mussten viel Geld abschreiben. Was auf der Hohen Wurzel passiert, ist symptomatisch für Deutschland und insbesondere für Hessen.

Inwiefern?

Alexander Koffka

In allen drei Regierungspräsidien werden Windparks ganz oder teilweise abgelehnt, obwohl sie auf sogenannten Windvorrangflächen geplant wurden. Knapp zwei Prozent der Landesfläche sind als Vorrangflächen ausgewiesen. Das bleibt bisher bedeutungslos, weil die Projekte trotzdem scheitern.

Auf der Hohen Wurzel geht es um den Grundwasserschutz.

Ja, Grundwasserschutz ist eines der typischen Argumente. Aber es gibt ja getriebelose Windanlagen, die ohne Schmieröl laufen.

Können Sie sich erklären, warum ausgerechnet unter einer grünen Umweltministerin weniger Windkraftanlagen genehmigt werden?

Für die Energiewende kann es nicht das Ziel sein, alle zu überzeugen. Wir diskutieren auch mit Gegnern vor Ort, aber da stoßen wir auf festgefahrene Meinungen. Ministerin Priska Hinz müsste die Richtung vorgeben und dafür sorgen, dass zugunsten der Windkraft entschieden wird. In den letzten fünf Jahren aber sind weniger Anlagen genehmigt worden als unter der CDU-Umweltministerin Puttrich. Ich sehe die Grünen im Interessenkonflikt mit den Vogelschützern. Man kann nicht alles im Konsens lösen.

Sie bauen gerade gemeinsam mit der Stadtwerke-Kooperation Trianel einen Windpark in Brandenburg mit einer Gesamtleistung von 66 Megawatt. Warum geht so etwas nicht in Hessen?

Brandenburg hat größere Flächen und eine andere Siedlungsstruktur. Hessen ist aber vergleichbar mit Rheinland-Pfalz, Mittelgebirge und waldreich, und da sieht Hessen nicht gut aus. 2019 wurden in Rheinland-Pfalz 33 neue Windenergieanlagen mit einer Leistung von 114 Megawatt (MW) gebaut. Insgesamt stehen dort nun 1771 Anlagen mit einer kumulierten Leistung von 3685 MW. In Hessen wurden 2019 nur sechs neue Windenergieanlagen mit einer Leistung von 20 MW gebaut. Insgesamt stehen dort 1161 Anlagen mit einer Leistung von 2217 MW.

Wenn Rotoren geschützte Tiere schreddern, ist das schon ein starker Konflikt.

Klar sterben einzelne Tiere durch Windkraftanlagen, aber sie sterben in viel größerem Umfang auch an Autobahnen, Bahntrassen, Glasfronten. An der A66 sehe ich gelegentlich tote Rotmilane. Niemand will deshalb die Autobahn sperren. Es geht nicht um einzelne Tiere, sondern um den Bestand. Und der wächst, wenn es mehr Brutgebiete und Nahrung gibt. Die Argumente gegen die Windkraft sind oft nur vorgeschoben. Die Abwägung der Regierungspräsidien müsste auf den zwei Prozent Vorrangflächen stärker zugunsten der Windkraft ausfallen. Dann könnten 98 Prozent Vorrangflächen für Vögel sein.

Die Behörden setzen gewiss nicht 1:1 um, was das Ministerium vorgibt.

Bestimmt nicht. Die Genehmigungsbehörden arbeiten zum Beispiel mit dem Helgoländer Papier, das einen Abstand von 1,5 Kilometern zu Rotmilanhorsten vorsieht. Nach den Horsten wird erst gesucht, wenn Projektentwickler wie wir Genehmigungsanträge für neue Windparks erstellen. Das sind aufwendige Untersuchungen zu Jagdrevieren, Brutplätzen und Flugrouten je nach Art. Wie oft fliegt der Vogel über die Fläche zur Futtersuche? Wo findet er Nahrung? Vogelbeobachter müssen lange, manchmal Jahre daran arbeiten. Ein Behördenleiter weiß, dass gegen die Anlage geklagt wird, deshalb will er genau sein. Die Gegner haben großen Einfluss. Wenn man will, findet man für jeden Standort irgendein Argument, warum gerade hier keine Windanlage entstehen soll.

Und in anderen Ländern ist das nicht so?

Das ist unterschiedlich. In dünn besiedelten Ländern wie Finnland haben wir weniger Konflikte. Auch in Argentinien ist der Weg zu einer Genehmigung leichter. Dort scheitern Projekte aber daran, dass sie wegen wirtschaftlicher und politischer Unsicherheiten schwer zu finanzieren sind. In Frankreich stehen wir vor ähnlichen Herausforderungen wie in Deutschland. Wir sind zuversichtlich, dass es auch hierzulande und sogar in Hessen bald wieder besser läuft. Bis vor drei Jahren lief es ja auch in Deutschland gut. Denn global betrachtet geht es gut voran mit den erneuerbaren Energien.

Interview: Madeleine Reckmann

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