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In Wiesbaden haben einige Geschäfte während der Corona-Krise schließen müssen, darunter auch Traditionsunternehmen.
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In Wiesbaden haben einige Geschäfte während der Corona-Krise schließen müssen, darunter auch Traditionsunternehmen.

Stadtbild

Mehr Kultur und weniger Kommerz für Wiesbadens Innenstadt

  • Madeleine Reckmann
    VonMadeleine Reckmann
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Nach der Corona-Krise müssen sich die Einkaufszonen in Wiesbaden verändern. Ein Masterplan allein reicht nicht.

Neulich ist seine Kaffeemaschine kaputtgegangen. Das neue Exemplar hat Andreas Steinbauer über den Onlinehandel gekauft. In Wiesbaden hätte er das gewünschte Modell ohnehin nicht gefunden, erklärt der Inhaber der gleichnamigen Immobiliengesellschaft. Deshalb hat er erst gar nicht danach gesucht.

Steinbauer kennt das Geschäftsleben der Landeshauptstadt wie seine Westentasche. Über das Immobilienbusiness, aber auch als Vorsitzender der Wiesbadener Sektion des Wirtschaftsrates der CDU. Er hat eine dezidierte Vorstellung davon, wie sich die Innenstadt zukunftsfähig aufstellen sollte. Als reine Einkaufsstadt sieht er sie nicht mehr. Die Entwicklung sei schon lange vor Corona abzusehen gewesen. Die Shopping Malls auf der grünen Wiese, der Onlinehandel - zum Einkaufen in die Stadt zu fahren, sei nicht mehr zeitgemäß, Kaufhauskultur sei Geschichte.

Wie in vielen anderen ähnlich großen Städten stehen auch in Wiesbaden Ladengeschäfte leer. Die Pandemie hat etlichen Läden, darunter renommierten und alteingesessenen Unternehmen, den Todesstoß versetzt. Die Pandemie habe der Entwicklung aber allenfalls einen Schub gegeben, meint Steinbauer. „Man geht in die Innenstadt, um ein positives Erlebnis zu haben.“ Verweilzonen müsse es geben, Aufenthaltsqualität, Bepflanzungen, Erlebniswelten. „Ich kann mir ein Kulturkaufhaus oder auch ein Sealife für Wiesbaden als Stadt des Wassers vorstellen“, zählt Steinbauer auf, „wie in Berlin, da werde ich nicht aufgeben“. Das bringe hohe Besucherfrequenzen.

Sein Vorbild ist zudem Kopenhagen. Dort, so schwärmt er, sei die Stadt den Menschen zurückgegeben worden, denn die Innenstadt sei verkehrsberuhigt. Für Wiesbaden wünscht er sich, dass der historische Teil der Innenstadt, das sogenannte historische Fünfeck, autofrei wird.

Ob der Wiesbadener Bürgermeister und Wirtschaftsdezernent Oliver Franz (CDU) über die Idee eines Seewasser-Aquariums oder über Kopenhagen als Vorbild für Wiesbaden schon nachgedacht hat, ist nicht bekannt. Dass der Strukturwandel aber nur mit mehr Lebensqualität in den Innenstädten gelingen kann, schon. Ein Mix aus Wohnen, Kultur, Gastronomie und Einzelhandel soll den Verfall aufhalten, weg von der monofunktionalen und hin zur multifunktionalen Nutzung. Das betonen die Stadtverordneten aktuell besonders, um der Stadt nach der Corona-Krise wieder auf die Beine zu helfen.

Bürgermeister und Wirtschaftsdezernent Oliver Franz (CDU) hat den Masterplan Innenstadt auf den Weg gebracht.

Noch immer kommen weniger Tagesgäste und Tourist:innen in die Stadt als vor der Pandemie, teilt das Wirtschaftsdezernat auf Anfrage mit. Das Amt hat Anfang Juli in der Freude über das wiedergewonnene Lebensgefühl nach der gesunkenen Sieben-Tage-Inzidenz die Menschen in der Fußgängerzone mit Stelzenläufern und Salonmusikern willkommen geheißen. Die Resonanz sei gut gewesen, sagt Franz.

Dass das nicht reicht, ist klar. Mittel- und langfristig soll der Masterplan Innenstadt der City neues Leben einhauchen. Seine Grundzüge gefallen auch Steinbauer gut. Über hundert Vorschläge zu Marketingmaßnahmen, eine bauliche Umgestaltung der Fußgängerzone und ein verbessertes Angebot im Öffentlichen Nahverkehr sollen dazu beitragen, dass Wiesbaden an Attraktivität gewinnt. Eine Innenstadt mit Einzelhandel, Gastronomie und nichtkommerziellen Nutzungen des öffentlichen Raums ist darin vorgesehen, ebenso grüne Inseln mit Sitzgelegenheiten ohne Konsumzwang. Die digitale Infrastruktur soll die Bedürfnisse des Einzelhandels und der Gastronomie aufgreifen.

Zudem ist geplant, die Fußgängerzonen auszuweiten und Anreize zu setzen, damit der Besuch mit Bus oder Rad anreist. Aber zunächst muss der Masterplan in eine konkrete Handlungsstrategie gegossen werden. Bis er komplett umgesetzt wird, können Jahre vergehen.

Um die Menschen kurzfristig in die City zu locken, erhält Franz eine viertel Million Euro aus dem Stadtsäckel. Mit dem Geld ist geplant, leerstehende Ladenlokale zu mieten, um dort Start-ups Raum zu geben; Schaufenster könnten Künstler und Künstlerinnen aus der Region gestalten. Eine Mini-Luminale, Aktionen zum Weltkindertag, temporäre Stadtmöbel und anderes soll es zudem geben.

Im Einkaufszentrum Lili am Hauptbahnhof ist die Zwischennutzung von Kunstschaffenden schon jetzt zu bewundern. Mit kreativen Vorschlägen in diese Richtung hat sich die Stadt zudem für das Landesförderprogramm „Zukunft Innenstadt“ beworben. Franz hofft, mit den Vorschlägen der City wieder ein individuelleres Gesicht geben zu können, weil Aktivitäten entstehen, die es nur in Wiesbaden gibt. Die Kooperation verschiedener Akteure soll eine Rolle spielen.

Daher beginnen die drei Vorschläge mit einem „Co“. Unter dem Namen „CoLab“ soll ein experimenteller Pop-up-Store Raum zum Diskurs bieten, wo Hochschulen, Bürger:innen, Einzelhandel, Gastronomie und Kultur ein Zukunftsbild des urbanen Lebens entwickeln. Im „CoGrow-Space“ sollen Start-ups städtisch geförderte Teilflächen in guter Lage mieten können, um dort ihre Dienstleistungen anzubieten. „CoShow-Space“ heißen offene Flächen für Ausstellungen, Veranstaltungen, Workshops oder Vorträge. Gastronomie und Einzelhandel könnten die Projekte aus der Kultur- und Kreativwirtschaft mit Leckereien oder einem ausgewählten Einzelhandelsangebot ergänzen. „Lokale Wertschöpfung, also Manufaktur direkt vor Ort, beratungsintensive Dienstleistungen oder Handel haben damit wieder gute Zukunftsaussichten. Dies verändert das Leben in der Innenstadt“, sagt Oliver Franz.

Das bedeutet, dass sich der Handel wandeln muss. Digitale Unterstützung erhält er unter dem Label Heimatschutz: Expert:innen möbeln die Präsenz des Wiesbadener Einzelhandels im Netz auf. Kürzlich fasste Franz die Entwicklung so zusammen: „In den 50er Jahren wurden die Innenstädte um das Auto herum gebaut, jetzt müssen wir sie ums Handy herum bauen.“

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