1. Startseite
  2. Rhein-Main
  3. Wiesbaden

Meeresmüll wird zu Kunst

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Ute Fiedler

Kommentare

La Brume.
La Brume. © Stanislaw Chomicki, Linda Günther & Kayleigh Trajkovski (3)

Hochschul-Kalender wird ausgezeichnet / Ausstellung im Landesmuseum.

In der Bucht von Audierne, wo die riesigen Wellen des Atlantiks hineinrollen und sich brechen, fühlt Gregor Krisztian sich wohl. Oft war er unterwegs an der bretonischen Küste. Oft stolperte er über Dinge, die nicht an diesen Strand gehörten – Kartuschen, Plastikteile, Tüten, Fischernetze. Während eines Sabbaticals 2014 entstand die Idee, den Müll ästhetisch in Szene zu setzen, um so auf den zweiten Blick auf ein großes Problem aufmerksam zu machen: die Verschmutzung der Meere.

Krisztian ist Professor im Bereich Design-Informatik-Medien an der Hochschule Rhein-Main. Seit vielen Jahren gibt die Hochschule Jahr für Jahr einen Kalender heraus. Seit mehreren Jahren verantwortet Krisztian das Projekt, das auch das Image der Wiesbadener Hochschule fördern soll. Mit Erfolg. „So groß wie in diesem Jahr war die Aufmerksamkeit für unseren Kalender noch nie“, sagt Krisztian. Denn, was Krisztian 2014 noch nicht wusste: Das Wissenschaftsjahr 2016 läuft unter dem Titel „Unsere Ozeane – Deine Zukunft“. Das habe einfach gepasst, sagt er.

„Unart“ heißt der Titel des Kalenders, der Ende Januar mit „Bronze“ beim Gregor Calendar Award, dem größten Wettbewerb für Kalendermacher in Europa ausgezeichnet wurde. „Wir sind sehr stolz auf diese Auszeichnung, denn es gab keine Kategorie für Hochschulen. Wir haben mit Profis konkurriert“, sagt Krisztian. Mehr als 1000 Einsendungen habe es gegeben. Fünfmal wurde Gold vergeben, siebenmal Silber, 20 Mal Bronze.

Müll aus einer Bucht am Atlantik

Mit zehn Studenten waren Krisztian und sein Kollege Kai Staudacher im vergangenen Jahr am Atlantik in Frankreich – ohne zu wissen, was sie genau erwarten würde. „Wir konnten ja nicht davon ausgehen, dass wir sicher Müll finden würden.“ Doch die Sorge war unbegründet. Die Studenten sammelten und zwar so viele Dinge, dass zwei Busse voll gepackt wurden.

Im Anschluss wurden die Fundstücke in Szene gesetzt. Sie wurden zu Kunstwerken und erhielten Werkbezeichnungen, Fundort und Jahr wurden hinzugefügt – so wie man es aus Museen kennt. Ein Stück Kunststoff, auf dem Sand und Algen kleben, wurde zu „Deep Sea Alien“. Sand auf Bauschaum zu „Balloon Monkey“, eine oxidierte Kartusche zum „Hasensarg“. „In Anlehnung an Joseph Beuys“, sagt Krisztian. Mit Fotoshop nachbearbeitet worden seien die Fotos nicht. „Es wurden richtige Sets gebaut, an Licht und der richtigen Inszenierung getüftelt.“

Auf den Kalenderblättern sind jedoch nicht nur die Kunstwerke zu sehen. Da der Kalender als interdisziplinäres Projekt entstand, trugen Studenten des Studiengangs Umwelttechnik in Rüsselsheim Fakten zur Verschmutzung der Meere und den daraus resultierenden Folgen zusammen. Unter anderem ist unter den Fotos zu lesen, dass der wohl bekannteste Müllstrudel, der „Global Pacific Garbage Patch“ im Nordpazifik etwa die Größe Mitteleuropas hat, dass durch Geisternetze unzählige Meeresbewohner verenden und dass manche Kunststoffe bis zu 600 Jahren in den Ozeanen überdauern können.

Von der Aufwertung des scheinbar Unwertigen und der Intention des Kalenders ist auch Museumsdirektor Alexander Klar begeistert. Die Stücke sollen vom 18. April eine Woche lang im Landesmuseum zu sehen sein. Die Ausstellung wird von einem Programm begleitet, das auf die dramatische Lage in den Meeren aufmerksam machen will. Das Kalender-Konzept sei klug, lobt Klar. Etwas zu ästhetisieren, was eigentlich nicht schön sei und dann in den Kontext mit der Müllproblematik zu setzen, sei spannend. „Da steckt ganz viel dahinter.“

Auch interessant

Kommentare