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Aus die Maus

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Von: Ute Fiedler

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Christian Sprang zeigt ein Werbeplakat für sein Buch.
Christian Sprang zeigt ein Werbeplakat für sein Buch. © Michael Schick

Der Wiesbadener Buchautor Christian Sprang sammelt und veröffentlicht skurrile Todesanzeigen. Jetzt hat er sein drittes Buch "Ich mach mich vom Acker" herausgebracht. Ihn stört, dass der Tod noch immer ein Tabu ist und verdrängt wird.

Hausieren geht Bestsellerautor Christian Sprang mit seinem Hobby nicht. „Da wird man schon etwas schräg angeschaut“, sagt er und schmunzelt. Der Wiesbadener sammelt Todesanzeigen. Keine normalen wie „Nach einem erfüllten Leben verstarb am soundsovielten soundsovielten unser lieber Bruder, Schwager und Neffe“. Sprang sammelt Anzeigen, die, wie er sagt, „Romane im Kleinformat“ sind. Die dem Betrachter einen Einblick in das Leben des Verstorbenen geben und berühren – „auf welche Weise auch immer“. Jetzt hat er mit Matthias Nöllke sein drittes Buch herausgebracht.

Todesanzeigen gelesen hat Sprang bereits als Schüler. „Mich haben schon immer andere Leben fasziniert. Das ist mein persönliches memento mori. Es macht klar, dass das Leben so schnell vorbei sein kann.“ Mit dem Sammeln hat er jedoch erst zu seinen Referendarszeiten in Hamburg angefangen, als ihm wieder einmal eine Anzeige mit der Stilblüte „... starb unverhofft unser Mitarbeiter ...“ in die Hände fiel. „Diese habe ich ausgeschnitten und bei uns in der WG auf den Küchentisch gelegt. Und irgendwann sammelten sich dann dort die Papierschnipsel mit außergewöhnlichen Kundgebungen.“

Als Sprang nach Wiesbaden zog, kamen seine Fundstücke mit. Und der Missmut seiner Frau wuchs. Sie war es irgendwann leid, dass ihr Mann von den Besuchern ständig auf seine Sammlung angesprochen wurde, sie zeigen musste und sie immer wieder dieselben Geschichten zu hören bekam. „Sie war es, die mich dazu brachte, die Anzeigen einzuscannen und im Internet eine Seite zu gestalten.“

Der 51-Jährige tat, wie ihm von seiner Frau geraten worden war, und ahnte nicht, was daraufhin passieren würde. „Als die popelige Seite fertig war, verschickte ich einen Link mit dem Betreff ,Das Website-Wunder von Wiesbaden‘ an meine 29 Mitsammler. Und dann ging es los.“ Per Schneeballsystem verteilte sich der Link in Windeseile. Keine Woche nach Absenden der E-Mail erhielt Sprang Antworten von wildfremden Menschen aus der gesamten Republik. „Alle schickten mir auf einmal ihr Gesammeltes zu.“

Die Zugriffszahlen explodierten. „Die Qualität der Anzeigen wurde immer besser. Es gibt mehr Sammler, als man denkt. Und alle schickten mir ihre wertvollsten Schätze.“ Schließlich wurde auch der Langenscheidt-Verlag auf den Wiesbadener aufmerksam. „Sie wollten, dass ich ein Buch für eine humoristische Wörterbuchserie mit dem Titel ,Tod - Deutsch – Deutsch - Tod‘ schreibe. Mein Freund Matthias Nöllke riet davon ab. Das sei nicht das richtige Konzept.“

Doch die Idee, ein Buch herauszubringen, ließ die beiden nicht mehr los. Matthias Nöllke, Journalist und Autor, verfasste ein Probekapitel, das Christian Sprang, der als Justiziar beim Börsenverein des Deutschen Buchhandels arbeitet, an die richtigen Stellen weiterleitete. Nicht nur Kiepenheuer und Witsch zeigten Interesse. „Welch Luxus, wir konnten uns sogar zwischen mehreren Verlagen entscheiden.“ „Aus die Maus“ hieß der erste Band, der zum Bestseller wurde und der dazu führte, dass der Wiesbadener mit Anzeigen überhäuft wurde. „Es regnete Zuschriften aus der gesamten Republik.“

Mehr als 25 000 Annoncen

Allein dreimal erhielt Sprang auch eine alte Anzeige aus der ehemaligen DDR, die verschiedene Leser mehr als 30 Jahre aufbewahrt hatten. Darin hatte der Inserent zwei Sprüche miteinander vermischt: „Aus „Ein gutes Herz hat aufgehört zu schlagen“ und „Zwei nimmermüde Hände haben aufgehört zu schaffen“ wurde „Zwei nimmermüde Hände haben aufgehört zu schlagen““.

So konnten Sprang und Nöllke aus dem Vollen schöpfen, die besten Stücke auswählen. Zwei weitere Bücher erschienen – Band 3 erst vor Kurzem unter dem Titel „Ich mach mich vom Acker“.

Mehr als 25 000 Annoncen hat Sprang mittlerweile gesammelt. Über die Jahre, so erzählt der Autor, würde immer mehr gewagt. Viele hätten Texte aus seinem Buch als Vorlage genommen. „Immer öfter finden wir Sätze wie ,Ich bin umgezogen‘, ,Ich bin dann mal weg‘.“ Es sei auffallend, dass sich die Angehörigen mittlerweile viel mehr Mühe gäben. Oder die Sterbenden selbst. „Die Anzahl der Selbstanzeigen hat zugenommen. Viele wollen selbst bestimmen, was über sie geschrieben wird und andere, ja, die haben niemanden, der einen Nachruf für sie schreiben könnte.“

Lob von Pfarrern, Bestattern und Justiz-Mitarbeitern

Fast ausschließlich positive Resonanz habe er auf seine Veröffentlichungen erhalten, sagt der Autor, gerade auch von Hinterbliebenen und Anzeigenverfassern. Bis auf ein Mal. „Eine Hinterbliebene hat sich beschwert, dass wir den von ihr verfassten Nachruf für ihren Vater veröffentlicht haben. Darin stand: ,Nicht nur die Abwasserwelt wird ihn vermissen‘. Obwohl wir von vorneherein Nachnamen und Adressen aus Todesanzeigen in unseren Büchern anonymisieren, haben wir in diesem Fall die Anzeige sogar komplett nachgebaut und zum Beispiel andere Vornamen verwendet“, sagt Sprang.

Dass ihre Bücher immer erst einmal kritisch beäugt werden, kann Sprang verstehen. Er weiß, dass viele sein Hobby als morbid empfinden. Deswegen bewerten die Autoren die Anzeigen auch nicht. „Zudem veröffentlichen wir ja nicht nur komische, sondern auch ganz herzzerreißende Stücke.“ Besonders viel Lob und auch Anzeigen hat der Wiesbadener von Pfarrern, Bestattern und Hospiz-Mitarbeitern bekommen. „Wer viel mit dem Thema Tod zu tun hat, geht lockerer damit um.“

Ihn stört, dass der Tod noch immer ein Tabu ist und verdrängt wird. „Viele wollen im Trauern nicht beobachtet werden. Deswegen reagieren auch viele komisch, wenn ich ihnen erzähle, dass ich Todesanzeigen sammle. Dabei gehört der Tod nun einmal zum Leben dazu. Und“, fügt Sprang hinzu, „wer eine Todesanzeige aufwändig gestaltet, will, dass sie gelesen wird.“

Nach drei Büchern ist Schluss

Eine Anzeige ist für Sprang immer dann gut, wenn sie persönlich und besonders ist und etwas aus dem Leben des Verstorbenen erzählt. Sein Lieblingsfundstück ist „Wie im Leben: Oma rief – Opa kam“. „Jeder kennt Großeltern, bei denen das so ist, nämlich dass der Opa das tut, was die Oma sagt.“ Regionale Besonderheiten hat er über die Jahre nicht festgestellt. „Man kann nicht sagen, dass es in München die lustigsten Anzeigen gibt und in Kassel die traurigsten.“ Wohl könne man aber sagen, dass im „verschwendungssüchtigen Rheinland“ größere Anzeigen erschienen, als im „sparsamen Schwabenland“.

Nach drei erschienen Büchern hat Sprang nun entschieden, kein weiteres mehr zu veröffentlichen. „Wir haben so viel Zeit investiert, alles nebenbei gemacht. Für das dritte Buch hatte ich eine Studentin engagiert, die 67 Stunden lang nur Anzeigen eingescannt hat“, sagt Sprang, der jetzt mehr Zeit seiner Familie widmen möchte – und seinem anderen Hobby: der Musik. „Aber ich sammle trotzdem weiter. Man sollte ja nie nie sagen.“ Und gerade kurz nach Redaktionsschluss sei ihm noch eine besondere Anzeige in die Hände geflattert: „Da habe ich gedacht, die hätte ich schon noch gerne veröffentlicht.“

Das Buch: C. Sprang, M. Nöllke: Ich mach mich vom Acker. Ungewöhnliche Todesanzeigen. Kiwi 2013. Infos unter www.todesanzeigensammlung.de.

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