1. Startseite
  2. Rhein-Main
  3. Wiesbaden

Mama und Papa in einem

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Christina Franzisket

Kommentare

Chmouni Ilia mit ihren Kindern Markus und Maria. Die Kleinen genießen den gemeinsamen Kuscheltag mit ihrer Mutter.
Chmouni Ilia mit ihren Kindern Markus und Maria. Die Kleinen genießen den gemeinsamen Kuscheltag mit ihrer Mutter. © C. Franzisket

Alleinerziehende haben auch in Wiesbaden ein hohes Armutsrisiko. Oft sind es Frauen wie Chmouni Ilia. Sie schlägt sich mit zwei Kindern und zu wenig Geld durchs Leben. Und trotzdem schafft sie es, ihrem Sohn und ihrer Tochter Geborgenheit zu geben.

Alleinerziehende haben auch in Wiesbaden ein hohes Armutsrisiko. Oft sind es Frauen wie Chmouni Ilia. Sie schlägt sich mit zwei Kindern und zu wenig Geld durchs Leben. Und trotzdem schafft sie es, ihrem Sohn und ihrer Tochter Geborgenheit zu geben.

Eigentlich braucht Markus kein Fläschchen mehr. Schließlich ist er schon fünf Jahre alt und kann seinen heißen Kakao zum Frühstück aus der Tasse trinken. Aber in den Winterferien, wenn er mit seiner Schwester Maria (4) vormittags noch im Mamas großem Bett fernsehen darf, erfüllt ihm seine Mutter Chmouni Ilia gern seinen Wunsch und macht den Kakao in einem Fläschchen warm.

Chmouni Ilia lebt mit ihren beiden Kindern allein im Wiesbadener Westend. Ihr Mann hat im Irak einen Anschlag nur knapp überlebt, erzählt die Syrerin. Seitdem ist er schwerbehindert: „Ich konnte ihn nicht mehr mit meinen Kindern alleine lassen“, sagt die 33-Jährige. Immer öfter stritt das Ehepaar: „Irgendwann hat er mich vor den Augen meiner Kinder geschlagen.“

Das war vor rund acht Monaten. Seitdem lebt Ilia getrennt von ihrem Mann und kümmert sich allein um die Kinder. „Sie sind noch so klein, ich kann nicht den ganzen Tag arbeiten gehen“, sagt sie. Die drei leben von der Hilfe des Sozialamts, das Geld ist knapp: „Ohne Angebot kann ich nichts kaufen“, sagt die Mutter. „Essen ist sehr teuer.“ Auch Kleidung sei teuer: „Die Kinder wachsen schnell heraus oder reißen sich Löcher auf dem Spielplatz.“

Bevor sie sich von ihrem Ehemann trennte, ging Ilia in Teilzeit als Reinigungskraft arbeiten. Heute könnte Ilia auch vormittags arbeiten gehen, denn Markus und Maria gehen in den Kindergarten, doch das Gehalt eines Teilzeitjobs würde nicht annähernd ausreichen, um aus der Grundsicherung heraus zu kommen. Dafür bräuchte Ilia schon einen Vollzeitjob. „Aber dann sehe ich meine Kinder gar nicht mehr“, sagt sie und schüttelt den Kopf. „Ich bin doch jetzt Vater und Mutter in einem“, sagt sie. Ihr Mann lebt in einem Männerheim und ist arbeitsunfähig. Er fällt als Betreuer für die Kinder aus.

Die Zeit, in der Maria und Markus in den Kindergarten gehen, nutzt Ilia deshalb um Deutsch zu lernen. Sie möchte in diesem Jahr den Test für das nötige Sprach-Zertifikat bestehen und dann eine Ausbildung zur Altenpflegehelferin machen. „Ich bin eigentlich schon Altenpflegerin“, sagt sie stolz, „in Syrien habe ich auch in dem Beruf gearbeitet.“ Doch hier werde ihre Ausbildung nicht anerkannt. „Aber wenn die Kinder zur Schule gehen, will ich wieder arbeiten“, sagt sie voller Zuversicht. „Altenpflegerinnen werden hier gebraucht.“

Bis dahin hat Ilia jedoch noch ein anderes Problem. Ihre Wohnung ist völlig herunter gekommen. Im Flur schimmelt der ganze Boden, schwarze Schlieren schlängeln sich die Wände hoch. Bei einem Fenster im Wohnzimmer ist die Scheibe kaputt, kalte Winterluft zieht hinein. Auch das Fenster im Schlafzimmer ist undicht, der Holzrahmen morsch und brüchig. Seit langem suche sie eine andere Wohnung, doch vergebens.

Feilschen um jeden Euro

„Es ist schwierig“, seufzt sie. Jeden Cent dreht sie dreimal um, feilscht beim Sozialamt um jede noch so kleine Unterstützung: „Ich muss mit Markus in die Stadt zur Logopädin fahren, der Bus ist teuer“, sagt sie. Wenn es gar nicht mehr geht, holt sie sich Hilfe von Freunden, die geben ihr etwas Geld oder fahren sie mit dem Auto zum Einkaufen: „Ohne meine Freunde könnte ich nicht leben.“

Doch mit dem Wenigen, was die Mutter zur Verfügung hat, und trotz der heruntergekommenen Wohnung schafft sie für ihre Kinder Geborgenheit. Im Wohnzimmer steht noch der geschmückte Weihnachtsbaum. „Für die Weihnachtsgeschenke habe ich das Jahr über immer ein wenig gespart“, sagt sie und verrät was sie an Heilig Abend verschenkt hat: „Ein Kleidchen für Maria und einen Pyjama für Markus.“ Dann nimmt sie das Fläschchen mit dem heißen Kakao, geht ins Schlafzimmer und legt sich zu ihren Kindern ins große Bett.

Auch interessant

Kommentare