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Die Mädchen von Zimmer 28

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Bilder, gemalt von den sechzig jüdischen Mädchen, die im KZ-Theresienstadt in einem Zimmer gefangen waren.
Bilder, gemalt von den sechzig jüdischen Mädchen, die im KZ-Theresienstadt in einem Zimmer gefangen waren. © Michael Schick

Einen 30 Quadratmeter großen Raum bezeichneten 60 Insassinnen des Konzentrationslagers Theresienstadt als ihre „kleine, schützende Insel.“ Davon erzählt die Ausstellung im Aktiven Museum Spiegelgasse, die auf Erinnerung von Überlebenden beruht.

Von Elisabeth Böker

Einen 30 Quadratmeter großen Raum bezeichneten 60 Insassinnen des Konzentrationslagers Theresienstadt als ihre „kleine, schützende Insel.“ Im ersten Moment kann man sich nicht vorstellen, dass ein Raum in einem KZ für Geborgenheit und Schutz steht. Doch in diesem Zimmer mit der Nummer 28 spielte sich für die Umstände der Zeit ein Leben ab, dass den gefangenen Mädchen trotz allem Schrecken Mut und Kraft gab.

Eine Ausstellung im Aktiven Museum Spiegelgasse, die auf Erinnerungen und Zeitzeugnissen von Überlebenden beruht, erzählt von diesem Leben. 60 Mädchen im Alter von 12 bis 14 Jahren aus den Gebieten Mähren und Böhmen lebten während des Zweiten Weltkrieges in diesem Zimmer. Von ihnen haben 15 das Lager überlebt. Schon als sie nur hoffen konnten, dass der Schrecken eines Tages ein Ende finden wird, beschlossen sie, dass sie sich zu einem bestimmten Tag nach dem Krieg in Prag an der astronomischen Uhr im Altstädter Ring treffen.

Die Autorin Hannelore Brenner-Wonschick erfuhr von dieser Geschichte. Sie lernte die Überlebenden vor einigen Jahren kennen und schrieb ein Buch über sie. Daraus ist auch jene Wanderausstellung entstanden, die nun in Wiesbaden zu sehen ist.

Besucher der Ausstellung erhalten beim Betrachten der Tafeln einen Eindruck vom Leben der Mädchen. Besonders berührend ist, welch ein Zusammenhalt und welch Energie die Mädchen hatten. Authentisch wird die Ausstellung durch originale Tagebücher, Poesiealben und Zeichnungen der Mädchen.

Die Angst im Nacken

Möglich war die Entstehung einer solchen Lebensatmosphäre nur, weil der im Konzentrationslager eingesetzte Judenrat beschlossen hatte, dass die Jugend besondere Aufmerksamkeit verdiene: „Es wäre schrecklich, wenn Theresienstadt für unsere Jugend eine nie wieder gutzumachende geistige und körperliche Niederung bedeuten würde“, sagte damals Teddy Hirsch, ein Mitglied der jüdischen Selbstverwaltung.

Die Jugendlichen wurden von Erziehern betreut. Eine Künstlerin gab ihnen Malstunden. Auch darüber hinaus wurden die Jugendlichen in Fächern wie Lesen, Schreiben, Rechnen unterrichtet – allerdings saß immer die Angst im Nacken, dabei von den Nazis erwischt zu werden. Ansonsten drohten Strafen, wie Karin Weißenberg berichtet. Sie betreut die Ausstellung im Aktiven Museum Spiegelgasse.

Die Mädchen wussten ihren Erziehern den Einsatz zu danken: Eine von ihnen schrieb dazu in ihr Tagebuch: „Pavla (unsere Erzieherin) war sehr darum bemüht, aus unserem Zimmer ein gutes Heim zu machen. Sie hat auch stets versucht, die Mädchen, die nicht im Mittelpunkt standen, miteinzubeziehen.“

Sehnsucht nach Freiheit

Es gab nicht nur Mädchen, die außen vorstanden, sondern auch die anderen üblichen Querelen in diesem Zimmer: „Erinnere Dich hin und wieder an unser Heim in Theresienstadt und ärgere Dich nicht darüber, dass ich Dich manchmal geärgert habe“, steht in einem Poesiealbum.

Doch über all den guten Stunden in dem Zimmer stand für alle die Sehnsucht nach Freiheit. Sie wünschten sich, dass „wir uns einmal wieder begegnen in schöner Natur, wo alles frisch ist und duftet, wo wir frei atmen und unsere Ideen verwirklichen können und nicht leben wie hier in dieser Gefängniszelle.“ Nur fünfzehn Mädchen wurde dieser Wunsch erfüllt. Seitdem treffen sie sich regelmäßig, bis heute.

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