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Im besten Fall wird Ralph Turnheim neben der Leinwand nicht wahrgenommen. Dann sind Film und Stimme zu einem geworden.

Kino

Lyrik für die Leinwand in Wiesbaden

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Der Wiesbadener Ralph Turnheim verleiht Stummfilmen eine Stimme. Mit 14 Programmen tritt er deutschlandweit auf.

Dunkel ist es. Nur ein Lichtkegel fällt über die Sitze hinweg auf die Kinoleinwand. Darin tanzen viele kleine Staubpartikel. Musik zum Tanz gibt es gewissermaßen auch: In der hintersten Reihe rattert ein alter Filmprojektor. Plötzlich erstrahlt noch ein Lichtkegel – diesmal direkt vor der Leinwand. Und dann tritt er hinein: Ralph Turnheim, der Leinwandlyriker.

„Film ab, Licht aus“, sagt er am Ende seiner Begrüßung und tritt ab. Sein eigentlicher Platz ist neben der Leinwand. Hinter dem Stehpult, hinter dem Mikrofon. Während Laurel und Hardy, Buster Keaton, Charly Chaplin oder der rosarote Panther auf der Leinwand flimmern, verleiht Ralph Turnheim den eigentlich stummen Filmhelden eine Stimme. Wer die Augen zumacht, sich auf den Film konzentriert, merkt wohl gar nicht, dass Turnheim überhaupt im Raum ist. Dann verschmelzen Film und Stimme zu einem. Ralph Turnheim, der in Wien aufgewachsen ist und heute in Wiesbaden lebt, ist mit seinen 14 Stummfilmprogramm unterwegs. Mit dem Vertonen von Stummfilmen hat der ausgebildete Schauspieler eine Nische gefunden – eine, die ankommt.

Die meisten seiner Veranstaltungen sind lange im Voraus ausverkauft. Ein Traum, an den er 2004 gar nicht zu denken wagte: Von seiner ersten Gage eines festen Engagements am Wiesbadener Kinder- und Jugendtheater kaufte er sich einen alten Filmprojektor. „Das ist auch schon wieder ein Zeitl her“, sagt er. Turnheim sitzt in seinem Wohnzimmer in Wiesbaden – stilecht auf einer Reihe alter Kinosessel. In den Regalen stehen alte Projektoren, Spulen und Filmdosen. Fehlt eigentlich nur noch der süßliche Duft von Popcorn. In halsbrecherischer Geschwindigkeit schwärmt er von Stummfilmen und brilliert mit cineastischem Fachwissen.

Buster Keaton hatte es ihm schon immer angetan. „Ich war allgemein stummfilmbegeistert. Und dann hatte ich nun mal die ganze alten Technik: Projektor, Kamera, Filme. Dann denkt man sich als Schauspieler: Was kann ich jetzt daraus machen? Wie auftreten? Die zündende Idee gab er mir“, sagt er und zeigt auf eine riesige Figur des rosaroten Panthers, die hinter ihm auf einem Regal sitzt.

Filmprojektoren gibt es heute kaum mehr in Kinos.

Ralph Turnheim hatte „The Pink Panther“ als 16-MillimeterFilme auf Ebay ersteigert, wollte wissen, wie sich die Reime zu den Cartoons im Original anhören. „Schon als Kind habe ich die geniale Kombination aus Wort und Bild geliebt“, sagt er. Doch kaum liefen die Originale über seinen Projektor, ergriff ihn Ernüchterung: keine Reime! „Im Original sind die Cartoons wie Stummfilme konzipiert und nur mit Musik unterlegt. Die Reime kamen erst im Deutschen dazu.“

Wie hätten sie denn wohl geklungen? Die Frage lässt ihn nicht mehr los, er entwickelt eigene Reime und trägt sie bei seiner ersten „filmischen Lesung“ vor. Das kommt gut an. Ralph Turnheim wird zum Leinwandlyriker und verfeinert seine Vertonung, nimmt sich weitere Stummfilme vor. Mittlerweile tourt er mit seinen Programmen durch ganz Deutschland, Österreich und die Schweiz. Immer im Gepäck: der Projektor. „Die gibt es kaum mehr in Kinos“, sagt er. Ebenfalls immer dabei: ein Hut. Denn zu jeder Rolle hat Turnheim als einzige Requisite einen passenden.

Stummfilme kennt man in der Regel nur mit Musik. Was soll da Stimme suchen? Ist doch dann kein Stummfilm mehr. Darf man das überhaupt? „Das dachte ich auch. Sonst würde es ja jemand machen. Oder es geht halt einfach gar nicht“, sagt Turnheim. Dass es doch geht, hat er sich ziemlich schnell bewiesen. „Mit der Leinwandlyrik hab‘ ich wo reingestochen und wusste es gar nicht. Es war gewissermaßen ein Tabu.“ Einst, als die Bilder laufen lernten, also um die vorvergangene Jahrhundertwende, gehörte ein Live-Erzähler fest zum Stummfilm dazu. Doch dann erfolgte ein harter Cut.

„Es gibt eine interessante Diplomarbeit dazu, warum der Erzähler ausgestorben ist“, sagt Turnheim. „Er wurde verboten.“ Kinobetreiber mussten unterschreiben, auf keinen Fall einen Erzähler einzusetzen. Das schlechte Image rührte daher, dass sich die Erzähler die Filme wegen des laufenden Betriebs vorher kaum anschauen konnte. Außerdem schleuderten sie sehr gerne Gags ins Publikum, um das Spotlight auch mal auf sich zu ziehen. Weil die Witze aber meistens unterhalb der Gürtellinie waren und das Publikum überwiegend aus Schülern bestand, gerieten die Erzähler in Verruf, sie würden die Jugend verderben.

Heute Stummfilme anzuschauen offenbart Einblicke in vergangene Welten. Ralph Turnheim macht Vergangenes lebendig, indem er es neu in Szene setzt. „Stummfilme entsprechen nicht mehr unseren Sehgewohnheiten. Im Prinzip aber nur äußerlich. In Wahrheit betrifft uns das alles heute noch sehr. Denn die Seele des Films ist die Gleiche. Man kann Stummfilme als die Quelle sehen, die das heutige Meer von Multimedia speist“, sagt er.

„Stummfilme bestehen aus so poetischen Bildern, die beinahe schwerelos sind. Da muss die Begleitung entsprechend sein, finde ich. Egal ob Musik oder Sprache. Durch Lyrik mache ich die Sprache zu einer Art Musik. Reim ist da die Königsidee“, führt Turnheim aus. Den Witz der Reime, den herausgearbeiteten Humor unterstreicht sein Wiener Dialekt.

Das Wienerische in ihm samt Sprache und einem besonderen Faible für Sachertorte hat Ralph Turnheim erst entdeckt, als er nicht mehr in seiner Heimatstadt lebte. „Vor allem den Dialekt hören die Leute hier sehr gerne. Das ist super“, sagt er. Nach Wien ziehe es ihn dennoch nicht zurück. „Wiesbaden liegt geografisch sehr gut, und ich fühle mich sehr wohl. Is net Stadt, net Land.“

Dort, in Wiesbaden, steht vor einer Premiere erst mal akribische Arbeit an. Echtes Stückwerk. Wieder und wieder schaut sich Turnheim den Film in Sequenzen an, schwitzt Reimschweiß, wie er sagt. Manchmal sind es nur Zehnsekünder – so lange ist ein Vers ungefähr. Inhalt, Reim, Synchronität müssen genau passen. „Am Ende habe ich oft den Eindruck, ich hätte den Film selbst gedreht.“

Manchmal verzweifelt er beinahe an Filmen. Doch aufhören und sich einem anderen Film widmen ist für ihn keine Option. Ihm fallen Dinge auf, die anderen nicht auffallen. Bei „The Black Pirate“ aus dem Jahr 1926 zum Beispiel gibt es eine Szene, in der Wächter aus einem Raum rauslaufen. Doch als Turnheim die Szene wieder und wieder anschaut, merkt er: Die Wächter laufen nicht vorwärts, sondern rückwärts. Die Szene ist versehentlich im Rückwärtsgang in den Film geschnitten worden. Doch in den Film eingreifen, das geht für Ralph Turnheim absolut gar nicht: „Auch wenn es Längen gibt, ist es in meiner Verantwortung, den Ton so zu gestalten, dass die Sequenz spannend wird. Mir ist wichtig, mich niemals über den Film zu stellen. Ich bin ihm quasi ergeben. Dennoch lege ich eine gewisse Frechheit an den Tag und drücke dem Film meine Stimme auf.

Gerade hat er sein Panther-Programm überarbeitet. Mehr als die Hälfte besteht aus neuen, noch witzigeren klassischen Cartoons. „Von 1964 bis 1981 wurden mehr als 120 dieser Kurztrickfilme produziert, erst für das Kino, dann für das Fernsehen. Der erste, also vor 55 Jahren, gewann sogar einen Oscar und ist Teil des neuen Programms.“

Turnheims neuester Coup: eine 16-Millimeter-Kopie der ersten „Frankenstein“-Verfilmung aus dem Jahr 1910. „Bis heute ist nur eine 35-Millimeter-Filmkopie bekannt, die überlebt hat“, erzählte er und verweist auf einen Wikipediaeintrag: „In den 1950er-Jahren erwarb ein US-amerikanischer Filmsammler eine Kopie des Films, ohne sich der Rarität bewusst zu sein. Mitte der 1970er- Jahre wurde die Existenz des Films bekannt.“ Der Sammler gab ihn nicht aus der Hand, es fanden offenbar auch keine öffentlichen Vorführungen statt. „Doch zur Sicherheit ließ er, wohl Anfang der 1980er-Jahre, vom zerfallenden Nitratfilm ein Negativ sowie drei 16-Millimeter-Kopien anfertigen. Zwei davon bekam ein Filmesammler mit der Auflage, sie bis zu seinem Tode weder zu zeigen noch zu verkaufen“, sagt Turnheim.

Seit einigen Jahren sind beide tot. „Die Filmsammlung mit dem 35-Millimeter-Frankenstein und wohl auch der dritten 16-Millimeter-Kopie wurde von der Library of Congress aufgekauft“, sagtTurnheim. Die restaurierte Fassung feierte 2017 bei den Bonner Stummfilmtagen ihre Weltpremiere, Turnheim war als Zuschauer dabei. „Weltweit gibt es nur zwei Kopien in privater Hand. Eine davon ist nun meine. Es ist mein Wunsch und Plan, dieses wertvolle Filmdokument zu vertonen und zu zeigen.“

Die Termine im Überblick

Ralph Turnheim wuchs in Wien auf und besuchte mit 17 Jahren die Schauspielschule. 2002 führte ihn sein erstes festes Engagement nach Wiesbaden.

Als „Leinwandlyriker“ hat er seine Liebe zum Film zu seinem Beruf gemacht. Bei 14 Programmen leiht er Stummfilmen seine Stimme. Die Reime dazu schreibt er selbst.

Nicole Werth vom Filmklubb Offenbach: „Turnheims Texte sind phantastisch / seine Stimme hochelastisch / und sein Repertoire sehr breit. / Nur das eine tut mir leid: / Längst ist er schon so beliebt, / dass es kaum noch Plätze gibt.“

Nächste Termine: „Pink Panther Poetry“, am 20. April, 20 Uhr, und 27. April, ab 19 Uhr im Filmklubb Offenbach. Karten ab 10 Euro unter leinwandlyrikladen.online. „Buster Poetry: Sieben Chancen“ am 10. Mai, 19.30 Uhr im Lichtspielhaus Ginsheim.

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