1. Startseite
  2. Rhein-Main
  3. Wiesbaden

„Locker drauf“ beim Anschaffen

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Arne Löffel

Kommentare

50 bis 70 Wohnungen im gesamten Stadtgebiet von Wiesbaden werden für Prostitution genutzt.
50 bis 70 Wohnungen im gesamten Stadtgebiet von Wiesbaden werden für Prostitution genutzt. © dpa

50 bis 70 Wohnungen im gesamten Stadtgebiet von Wiesbaden werden für Prostitution genutzt. Auch wenn die Wohnungsprostitution ein Schattendasein fristet, so gibt es klare Regeln.

Dass die gutbürgerliche Landeshauptstadt auch ihre abgründigen Seiten hat, wollen die meisten Wiesbadenerinnen und Wiesbadener gar nicht wissen. Prostitution, so die vorherrschende Meinung, gibt’s nur in den klar erkennbaren Bordellen – und im Frankfurter Bahnhofsviertel. Die Verwaltung sieht das realistischer: „Wir gehen davon aus, dass zwischen 50 und 70 Wohnungen im gesamten Stadtgebiet für Prostitution genutzt werden“, berichtet Ralf Wagner, persönlicher Referent von Ordnungsdezernent Oliver Franz (CDU), auf Anfrage.

Auch wenn die Wohnungsprostitution ein Schattendasein fristet, so gibt es klare Regeln: „Pro Wohnung darf nur die Hälfte der Räume für das Gewerbe genutzt werden. Außerdem dürfen dort nur Frauen arbeiten, die auch in der Wohnung gemeldet sind“, erklärt Wagner.

Diese 50-Prozent-Regel gilt auch für komplette Häuser. Sprich: Wenn ein Haus sechs Wohnungen hat, dürfen davon nur drei zum Anschaffen genutzt werden. Und von diesen drei Wohnungen wiederum höchstens 50 Prozent. Nur dann, so sieht es das Gesetz vor, darf der Prostitution auch innerhalb des Sperrgebiets nachgegangen werden. Denn, grob gesagt, in der Stadtmitte sind Bordelle oder ähnliche Betriebe verboten.

Unter dieser Prämisse erregte das Haus Nerostraße 7 Verdacht. Von außen betrachtet erscheint es, als würden mindestens zwei von drei Wohnungen zur Prostitution genutzt. Im Erdgeschoss befindet sich eine Gastronomie, die Rollläden an den darüber befindlichen Wohnungen sind stets heruntergelassen und die einzigen beschrifteten Klingelschilder weisen die Bewohner als „Ladies“ und eine Wohngemeinschaft namens „Angel“ aus.

Nichts passiert

Die Linken-Stadtverordnete Manuela Schon hatte bereits am 6. Mai in einem Schreiben an die Stadtverwaltung, das dieser Zeitung vorliegt, auf den sich aufdrängenden Verdacht hingewiesen. Im Verteiler waren Oberbürgermeister Sven Gerich (SPD), Gesundheitsdezernent Axel Imholz (SPD), Sozialdezernent Arno Goßmann (SPD) und Ordnungsdezernent Oliver Franz, außerdem die Leiterin des Frauenreferats, ein zuständiger Fachmann im Ordnungsamt, die Polizei und der Verein „Frauenrecht ist Menschenrecht“ (FIM). Antwort bekam Schon zunächst von Gerich, der das Schreiben dem Ordnungsamt weitergegeben habe.

Das Ordnungsamt teilte Schon mit, dass zusätzliche Überprüfungen der Terminwohnungen wegen fehlendem Personal kurzfristig nicht möglich seien. Die Polizei antwortete sinngemäß, dass die Beamten die von Schon gemachten Angaben prüfen, sich bei der Einsatzkonzeption aber nicht in die Karten schauen lassen möchten.

Passiert ist also erstmal nichts. Zumindest nicht, so lange sich nicht diese Zeitung für den Fall interessierte und mit Schons Informationen erneut an das Ordnungsdezernat herantrat. Binnen weniger Tage setzte das Ordnungsamt doch noch für den gestrigen Freitag eine Nachkontrolle an, laut Wagner erfolglos. „Die Kollegen haben niemanden angetroffen“, teilte der Referent des Ordnungsdezernats mit.

Zur Überprüfung dieser Information suchte diese Zeitung die Telefonnummer der Angel-WG aus dem Internet heraus. Ein Redakteur gab sich bei den Damen in der Nerostraße am Telefon als Kunde aus und fragte, ob sie da seien und er schnell vorbeikommen könne. „Ja, wir sind da. Bis gleich“, lautete die unbeschwerte Antwort.

Der Leiter der Stadtpolizei und stellvertretende Amtsleiter, Hans-Peter Erkel, gab sich am Telefon verblüfft von diesem Recherche-Ergebnis. „Wir haben da den ganzen Vormittag angerufen, da war keiner da“, beteuerte er. Wie sich herausstellte, hatte das Ordnungsamt aber eine veraltete Telefonnummer gewählt. „Es ist übrigens nicht so, dass wir die Kontrollen bei den Damen ankündigen würden. Wir geben uns mit maskierter Nummer auch als Kunden aus und wollen mit dem Anruf nur vermeiden, dass wir umsonst hinfahren“, erklärt Erkel den Vorab-Check am Telefon und berichtet, dass die anschließende Kontrolle am Freitagnachmittag keinen Grund zur Beanstandung ergeben habe.

Dabei erzählt er, dass die Angel-WG durchaus eine Vorgeschichte hat: Erst im April seien vom Ordnungsamt dort drei statt der zugelassenen zwei Frauen angetroffen worden. Nach der Beanstandung des Ordnungsamts sei die Wohnung der „Ladies“ von den Betreibern aufgegeben worden und die „Angels“ seien nun einen Stock tiefer anzutreffen. Unter „neuer“ Geschäftsführung und mit zwei Frauen, die in der Wohnung anschaffen gehen. Lediglich die Internet-Seite, so hätten es die Damen gestern gegenüber den Kontrolleuren behauptet, habe man übernommen.

Damit, so Erkel, sei im Sinne der Wohnungsprostitution nichts zu beanstanden, da nur eine von drei Wohnungen zum Anschaffen genutzt werde. Auf die Spekulation, dass womöglich nur die Strohmänner oder -frauen in der Geschäftsführung ausgetauscht wurden, will sich Erkel nicht einlassen. „Da liegen uns keine Beweise vor“, betont er am Telefon.

Über die Zustände in der Wohnung und die Verfassung der dort arbeitenden Frauen könne das Ordnungsamt nichts Schlechtes sagen. „Die Damen sind locker drauf, meist sehr gebildet, sprechen mehrere Sprachen und sagen uns, dass sie durchaus wussten, dass sie ihr Geld in Deutschland im Gewerbe verdienen werden“, berichtet Erkel. Verängstigte oder misshandelte Frauen habe das Amt bei den regelmäßigen Kontrollen schon seit mehreren Jahren nicht mehr angetroffen.

„Die Zwangsprostitution ist aber auch ein Straftatbestand, um den sich die Polizei und nicht das Ordnungsamt kümmert. Wir kontrollieren lediglich die Vorgaben der Sperrgebietsverordnung“, so Erkel. Wenn die Kontrolleure Hinweise auf soziale Missstände fänden, dann würden sie die Augen nicht verschließen.

Im Fox-Haus in Kastel hätten sich klare Hinweise darauf finden lassen. „Hinweise sind zum Beispiel Kameras, die jeden Besucher filmen, um die Zahl zu kontrollieren. Oder Unterlagen, in denen festgehalten wird, wie viel an wen abgegeben wurde.“ Daher sei das Fox-Haus nun auch geschlossen.

Einige der Prostituierten, die noch im Fox-Haus unter Zwang arbeiteten, sind laut Werbe-Anzeigen im Netz immer noch in Wiesbaden aktiv. Eine von ihnen in der Nerostraße 7.

Auch interessant

Kommentare