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„Lieber ein gesunder Schisser“

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Beim Zivilcourageseminar der Polizei lernen die Teilnehmer den Umgang mit Konflikten

Von Gesa Fritz

Eva M. (Name geändert) hat Angst. Sie hat Angst, wenn sie in der Wiesbadener Innenstadt unterwegs ist. Sie hat Angst, wenn ihre Söhne ausgehen. So große Angst, dass es den Teenies schon peinlich ist. Und mit Bussen würde Eva M. vor Angst am liebsten gar nicht fahren.

Sie ist eine von einem Dutzend Männer und Frauen, die am Zivilcouragekurs der Polizei teilnehmen. Sie alle wollen an diesem Nachmittag lernen, wie sie sich selbst vor Übergriffen schützen können. Und wie sie anderen möglichst risikofrei aus Konflikten heraushelfen können.

Das vierstündige Seminar „Zivilcourage – Ja! Aber wie?“ ist ein Projekt des Polizeipräsidiums Westhessen in Zusammenarbeit mit der Stadt Wiesbaden, der Eswe-Verkehr und dem Netzwerk Gewalt. Es wurde speziell für das Verhalten in begrenzten Räumen wie Bussen und Bahnen entwickelt, in denen fremde Menschen sich in einer Art Zwangsgemeinschaft begegnen. Laut Polizei ist das Projekt bundesweit einmalig.

„Lieber ein gesunder Schisser als ein kranker Held“, formuliert Kommissar Gerhard Bieler die erste Lektion, die die Teilnehmer an diesem Tag lernen. Und eröffnet eines von zahlreichen Rollenspielen des Seminars, in denen Veranstalter und Teilnehmer Konflikte durchspielen und verschiedene Lösungswege ausprobieren.

Die Szene: Eine Frau steht an einer Bushaltestelle und wird dort heftig von einem Mann angerempelt und mit „Ey! Kannst du nicht aufpassen?!“ angepöbelt. Die Frau entschuldigt sich bei dem Mann und geht zügig weg. Hier lautet die Lektion für die Teilnehmer: Der Ort des Konflikts muss möglichst schnell verlassen werden – auch wenn, wie im Beispiel, dann der Bus verpasst wird. Und kein Einstieg in den Konflikt ist der beste Einstieg. Manchmal kann ein Kopfschütteln zu viel sein. Courage wird hier als der Mut verstanden, auch mal als scheinbarer Verlierer dazustehen. Und das letzte Wort einfach den Provokateuren zu überlassen.

Trainiert wird auch, wie Opfern von Gewalt geholfen werden kann. Im Rollenspiel wird eine ältere Dame im Bus von Unbekannten aggressiv um Geld angegangen. Eine unbeteiligte Frau geht auf die Seniorin zu und reicht ihr die Hand mit dem Satz: „Kennen wir uns nicht vom Markt? Kommen Sie mal mit, ich muss Ihnen was zeigen.“ Mit der Seniorin im Schlepptau marschiert die Frau in Richtung Busfahrer. Wieder gibt es Merksätze für die Teilnehmer: Sie sollen die Täter ignorieren, sich nur an das Opfer wenden – und noch einmal: Der Ort des Konflikts muss möglichst schnell verlassen werden. Wichtig ist ein schnelles Handeln. Je weiter der Konflikt eskaliert, desto schwieriger ist es, ihn friedlich zu lösen.

Jeder kann und muss helfen

Eine ideale Anlaufstelle sind die Busfahrer. Diese sind in Wiesbaden speziell für Konfliktsituationen geschult. Die Busse sind mit Kameras und Richtmikrofonen ausgerüstet, und im Ernstfall kann die Leitstelle live mithören, was sich in den Bussen abspielt.

Die Teilnehmer lernen, dass jeder helfen kann und muss. Ob sie allerdings direkt in den Konflikt eingreifen, telefonisch die Polizei verständigen oder Dritte bitten, in den Konflikt einzugreifen, ist jedem selbst überlassen. „Ein Patentrezept für jede Situation gibt es sowieso nicht“, sagt Bieler.

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