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Bis zum letzten Gulden

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Barbara Haker und Oliver Klaukien als Ehepaar Dostojewski.
Barbara Haker und Oliver Klaukien als Ehepaar Dostojewski. © Weis

Mitte des 19. Jahrhunderts besuchte Fjodor Dostojewski gemeinsam mit seiner Frau Wiesbaden. Eine Führung beleuchtet jetzt seinen Aufenthalt in der Kurstadt - und seine Spielsucht.

Von Fabian Siegel

Er bettelt mit flehender Stimme, umgarnt sein Gegenüber – und brüllt schließlich sein Unverständnis in die Welt hinaus. Solange, bis Gattin Anna irgendwann einlenkt und die letzten 30 Gulden herausrückt. 30 Gulden für Fjodor Michailowitsch Dostojewski. 30 Gulden zum Verspielen.

Es sind Szenen wie diese, die den Aufenthalt des großen russischen Schriftstellers in Wiesbaden in der Mitte des 19. Jahrhunderts wohl bestimmt haben; zusammen machen sie den Kern der szenischen Stadtführung „Mit dem Spieler Fjodor Dostojewski auf Zeitreise“ zum 125-jährigen Bestehen der Nerobergbahn aus. Der Rundgang fand daher an einem ganz besonderen Ort statt.

„Wiesbaden“, schallt Dostojewskis Stimme über den Neroberg, „Ziel für Glücksritter aus aller Welt.“ Sein Arm zeigt hinunter ins Tal. Dort unten hat er einst sein Schicksal herausgefordert, nächtelang am Roulettetisch gestanden, auf die große Glückssträhne gewartet. Und dabei sein ganzes Vermögen verloren.

1863 kommt der russische Schriftsteller erstmals nach Wiesbaden. Er hat die Schulden seines verstorbenen Bruders geerbt, weiß nicht, wie er sie tilgen soll. Und spielt. 3000 Gulden verliert er – die gesamte Reisekasse. Sein Verleger stellt ihm ein Ultimatum: In 30 Tagen soll Dostojewski ein neues Werk vorlegen.

„Der Spieler“ entsteht. Darin verarbeitet der Schriftsteller seine Erfahrungen. Doch wirklich los kommt er nicht vom Glücksspiel – zu groß ist die Verlockung, am Roulettetisch den ganz großen Wurf zu landen. Wieder muss Dostojewski bei seiner Frau um Geld betteln, die fleht ihn an, endlich aufzuhören.

Die Zuhörer sind da schon längst eingetaucht in die Zeit der Industrialisierung, der Jahre vor der Reichsgründung – denn die Führung handelt nicht nur von dem großen Schriftsteller und seiner Spielsucht. Sie gibt auch einen Einblick in die Zeit – und sogar darüber hinaus.

„Das Stück ist historisch und doch aktuell“, sagt Oliver Klaukien, der an der Seite von Barbara Haker den Schriftsteller spielt. „Die Menschen haben zu jeder Zeit gespielt und werden immer spielen. Manchmal am Roulettetisch, manchmal mit Fonds.“

Dostojewski hat seine Anna verärgert, wieder einmal alles Geld verspielt. Sie ist weg. Doch er schwärmt weiter von seinen Rouletteabenteuern, malt sie bis ins kleinste Detail aus.

Die Mulde auf dem Neroberg wird zum Kasino, die Zuhörer hängen an Klaukiens Lippen, der die Leidenschaft zum Leben erweckt. Die Grenzen zwischen Fiktion und Wirklichkeit sind längst verschwommen. Denn der Text stammt aus dem „Spieler“. Nach allem, was man in der vergangenen Stunde erfahren hat, trifft aber alles genauso auch auf den Erschaffer des Werks selbst zu.

Noch einmal stattet Dostojewski Wiesbaden einen Besuch ab – und verspielt im Kurhaus ein zweites Mal ein Vermögen. 1872 lässt Bismarck die Spielbanken des Landes schließen. Der große Schriftsteller sieht keinen Grund mehr zu bleiben und kehrt Deutschland den Rücken. Seine Spuren aber sind noch da.

Spuren, auf denen die Menschen in diesem Jahr noch dreimal wandeln können: Am 5. Mai, am 2. Juni und am 15. September heißt es nämlich in Wiesbaden „Mit dem Spieler Fjodor Dostojewski auf Zeitreise“. Es geht am Marktplatz los und dann zu den Originalschauplätzen wie dem Kasino, dem Kaiser-Wilhelm-Denkmal und dem Kurpark.

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