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Lehrer Niko Lamprecht aus Wiesbaden: „Ohne Zeitzeugen brauchen wir neue Formen der Vermittlung“

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Von: Madeleine Reckmann

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Niko Lamprecht.
Niko Lamprecht. © Michael Schick

Interview über den ZDF-Film „Die Wannseekonferenz“ und wie er Jugendlichen den Holocaust näher bringt.

Zu dem Fernsehfilm „Die Wannseekonferenz“ bietet das ZDF Unterrichtsmaterial an, das in Zusammenarbeit mit dem Verband der Geschichtslehrer:innen erstellt wurde. Niko Lamprecht war als stellvertretender Vorsitzender maßgeblich an der Entwicklung beteiligt.

Herr Lamprecht, ist es nicht ungewöhnlich, dass ein Lehrerverband mit einem TV-Sender zusammenarbeitet, um Unterrichtsmaterial zu erstellen?

Das ZDF hat Medienformate, mit denen wir die jungen Menschen erreichen. Unsere Kooperation funktioniert seit der TV-Serie „Die Deutschen“; damals wurde das thematisch angedachte Projekt von uns von pädagogischer Seite bearbeitet. Auch bei Filmen wie „Kaiserspiel“ (zu 1871) oder „Extremismus von links und von rechts“ haben wir mitgewirkt. Wir als Fachverband sind an zeitgemäßem Unterrichtsmaterial interessiert.

Und das ZDF?

Das ZDF hat einen Bildungsauftrag und natürlich auch ein Interesse, das Durchschnittsalter seiner Zuschauer zu senken. Die Pandemie hat uns übrigens ungewollt und nachträglich bestätigt. Digitale Unterrichtsformate funktionieren gut, andere Wege sind manchmal eher schwierig. Das Wannsee-Material, dazu gehören Erklärvideos und Arbeitsaufträge, steht bundesweit kostenfrei zur Verfügung und ist flexibel einsetzbar. Wir haben auch schon mit dem Mitteldeutschen Rundfunk und anderen Medienpartnern zusammengearbeitet.

Stehen Sie als Historiker:innen den Produzenten als Fachleute für die Wissenschaftlichkeit beiseite oder sind Sie für die didaktische und fachliche Qualität des Unterrichtsmaterials zuständig?

Die zeitgeschichtliche Redaktion des ZDF ist gut aufgestellt und prüft die Fakten natürlich selbst. Wir sind dabei Gesprächspartner, machen manchmal Anmerkungen zum Format. Im Kern sind aber die pädagogischen Begleitmaterialien unser Bereich.

Wurden die Bedürfnisse der Lehrer und Lehrerinnen berücksichtigt?

Ja, das ZDF teilt uns mit, welcher Film produziert werden soll, unser Arbeitskreis im Verband prüft die Mitarbeit und äußert sich dazu. Natürlich muss so ein Film auch massentauglich sein, aber das ergänzt sich mit Wissenschaftlichkeit recht gut. Besonders beim Film „Die Wannseekonferenz“ war das eine interessante Zusammenarbeit. Das ZDF zeigte sich sehr flexibel, hat Ideen akzeptiert und unsere Themenvorschläge auch mit Lehrvideos ergänzt, die Mirko Drotschmann, auf Youtube als „MrWissen2go“ bekannt, moderiert. Das Lehrmaterial kann auch mit einzelnen Filmsequenzen angeklickt werden, dies ist eine weitere Neuerung.

zur Person

Niko Lamprecht (58 Jahre) leitet seit 2012 die Carl-von-Ossietzky-Schule in Wiesbaden. Er ist stellvertretender Vorsitzender des Verbands der Geschichtslehrer Deutschlands.

Neben Geschichte hat er Musik und Politik in Kassel studiert. Er war danach Lehrer am Internat Schloss Hansenberg in Geisenheim und an der Martin-Niemöller-Schule in Wiesbaden.

Drotschmann ist also die Brücke zur Jugend.

Ja, er bemüht sich durchaus um Fachkenntnis. Es war also nicht so, dass die ZDF-ler ein Produkt machen und wir dann nur im Anschluss den pädagogischen Text erstellen sollen. Stefan Brauburger, der Leiter der ZDF-Redaktion Zeitgeschichte, war hier sehr kooperativ.

Die wenigen Zeitzeugen, die noch leben, sind hochbetagt. Braucht man ohne Zeitzeugen andere Formate?

Ja, natürlich. Der Blick auf Zeitgeschichte ändert sich. Es ist dramatisch, wie mittlerweile Corona-Leugner und Holocaust-Leugner die Fakten verdrehen. Wenn wir niemanden mehr haben, der uns mit eintätowierter KZ-Nummer auf dem Arm leibhaftig beweisen kann, was geschehen ist, müssen wir nach neuen Formen der Vermittlung suchen. Eine Buchseite hat manchmal nicht die durchschlagende Wirkung. Das Internet bietet hier grandiose Möglichkeiten, die wir intelligent und natürlich gezielt nutzen müssen.

Der Film kommt sehr sachlich daher. Es geht um die Umsetzung von Massenmord, wie er einmalig ist in der Geschichte. Im Film besprechen Funktionsträger diesen Wahnsinn, ohne die Worte „töten“ oder „ermorden“ zu benutzen. Muss man Jugendliche nicht mit Gefühlen ansprechen?

Mich hat der Fernsehfilm emotional angesprochen. Ich war erschüttert. Nun bin ich Historiker und weiß, was damals geschah, in allen Ausmaßen. Es stimmt, die emotionale Wirkung des Films wird anders erzeugt als etwa bei „Schindlers Liste“ oder anderen Holocaustfilmen. Ich glaube trotzdem, dass dieser andere Weg wirksam ist. Sehr oft wird mit der Darstellung der KZ-Geschichte in Schwarz und Weiß gezeichnet, man sieht nur die Täter und die Opfer, die Bösen und die Guten. Es gibt aber immer auch Grautöne und Schreibtischtäter.

Inwiefern?

Der Film zeigt im Sitzungsablauf einzelne Grautöne. Von den 15 Teilnehmern der Konferenz haben zwei bürokratisch eingekleidete Bedenken, weil die Vernichtung der Juden gegen rechtliche Grundregeln oder „Gefühle der Bevölkerung“ verstieß. Diese Bedenken wurden Stück für Stück im Laufe der Sitzung „entsorgt“. Die Bedenkenträger werden aber dadurch auch nicht zu Helden, sie bleiben Beteiligte. Sie hätten deutlicher sagen können, dass sie nicht mit der „Endlösung“ einverstanden sind. Das hätte einen Karriereknick bedeutet, mehr wahrscheinlich nicht.

Für welches Alter sind die Unterrichtsmaterialien bestimmt?

Für die Jahrgänge 8 bis 13. Lehrkräfte sollten sich aber genau überlegen, welches Material sie den Jahrgängen 8 und 9 anbieten. Verglichen mit dem, was etliche Jugendliche heute per Handy anschauen, ist der Film eher harmlos.

Interview: Madeleine Reckmann

Schülerinnen diskutieren darüber, wie grausam und menschenverachtend die Konferenzteilnehmer handelten.
Schülerinnen diskutieren darüber, wie grausam und menschenverachtend die Konferenzteilnehmer handelten. © Michael Schick

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