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„Lebende Bücher“ erzählen in Wiesbaden

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Von: Jürgen Streicher

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Bettina Bergmann-Remy war Mitgründerin des Frauenzentrums im Bergkirchenviertel.
Bettina Bergmann-Remy war Mitgründerin des Frauenzentrums im Bergkirchenviertel. © Renate Hoyer

Ein Projekt in Wiesbaden gibt Frauen und Männern ein Gesicht, die viel für die Gleichberechtigung geleistet haben.

Lies mich!“ Die freundliche Aufforderung klingt dezent durch die weitläufigen offenen Räume auf mehreren Ebenen. „Ich bin ein Buch. Lies mich!“ Sprich mit mir, lass uns Gedanken austauschen. Die Aufforderung ist ein Angebot, ein Geschenk. Mittendrin im samstäglichen Trubel der Mauritius-Mediathek sind lebende Bücher unterwegs und laden zum offenen Gespräch ein. Vorgebucht oder spontan, das ist hier einerlei. Das Projekt „Mit lebenden Büchern im Dialog“ gibt Frauen ein Gesicht, die viel für Frauen und Gleichberechtigung in Wiesbaden geleistet haben. Und zwei Männern.

Zwölf Frauen, die Geschichte in der Frauenbewegung seit Anfang der 70er Jahre geschrieben haben, dazu zwei Männer als Verstärker, ein illustres Dutzend plus zwei, das sich den Menschen öffnet, die sich ein lebendes Buch für ein lebendiges Gespräch „ausleihen“ können. Für 30 Minuten, darüber wachen die „Hüterinnen der Zeit“ streng und doch nachsichtig, die Regeln müssen eingehalten werden, damit das System funktioniert. Junge Damen begleiten als „Bibliothekarinnen“ die Gäste zur Lese-insel und erinnern freundlich, wenn die Zeit abgelaufen ist.

Sechs Slots pro Buch werden über den Tag vergeben, schon am späten Nachmittag meldet das Damentrio „Diana“, dass auch die dritte Auflage des Dialogs mit lebenden Büchern „ausgebucht erfolgreich abgeschlossen“ worden sei. Mit einem interkulturellen Dialog wurde das Projekt 2019 erstmals inszeniert, die drei, Dianas Adriana Ruiz Pino, Cristiana Moschini Dubois und Tatiana Vilgelmi, haben sich beim Format von dänischen Vorbildern inspirieren lassen.

Auf den Gesprächsinseln ist das Feedback positiv. Im laufenden Betrieb der Mediathek werden viele Menschen auch spontan aufmerksam. Der Ruf nach Wiederholung mit neuem Thema klingt dem Orgateam dezent wie eine Aufforderung in den Ohren. „Wir sind stolz, dass so viele wunderbare Menschen heute Hand in Hand für dieses Projekt arbeiten“, sagt Adriana Ruiz Pino. Die Frauenbeauftragte Saskia Veit-Prang trifft den gleichen Ton, ist „unfassbar stolz“ auf das Frauennetzwerk und spricht von einem „großartigen Tag“.

Reger Austausch

Zu lebenden Büchern sind Frauen geworden, die schon Mitte der 70er Jahre im Kampf für Frauenrechte aktiv waren. Selbstbewusste junge Frauen aus dem studentischen Umfeld, die ein erstes Frauenzentrum im Bergkirchenviertel gründeten. Dort keimten Visionen von einem Verein „Frauen helfen Frauen“, sie wurden zum Leitbild der Bewegung. Bettina Bergmann-Remy etwa, die heute 73-jährige frühere Lehrerin, war Mitgründerin dieses „Orts der sprudelnden Ideen“. In einer Zeit, als häusliche Gewalt noch nicht thematisiert wurde. „Das gibt’s hier nicht in Wiesbaden“, bekamen sie da von Politik und Polizei zu hören.

Erste Besucherin bei Bergmann-Remy ist die Französin Charlotte Wagner, aus dem Elsass ist sie einst nach Wiesbaden gekommen. „Völlig spontan“ sei sie hier, habe ganz anderes vorgehabt, das Projekt als selbst engagierte Frau in der Flüchtlingshilfe aber sofort „total spannend“ gefunden. Binnen weniger Minuten entwickelt sich ein reger Austausch, die Zeit verfliegt, schon steht die „Bibliothekarin“ vor den beiden. Schneller Austausch von Kontakten, das lebende Buch bleibt, Charlotte Wagner zieht weiter zu Sigrid Schellhaas, die 1994 „Sirona“ mitgegründet hat, das Frauengesundheitszentrum. Auch sie ein lebendiges Buch mit vielen Kapiteln, noch heute ist sie Vorsitzende, Kursleiterin und Beraterin bei „Sirona“.

Oder Marietta Wollny, die „Künstlerin des Netzwerkens“. Hat das Netzwerk „Connecta“ gegründet und vor 35 Jahren das „Komz“ (Kommunikationszentrum) mit Räumen für 16 Vereine. Jetzt dreht sie mit 74 Jahren einen Film über dessen Geschichte, zum Internationalen Frauentag 2023 soll er fertig sein. Bei der Premiere werden wieder viele lebende Bücher der Frauenbewegung live dabei sein.

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