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Leben im Krieg: Ratschläge zum Durchhalten

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Nina Römer
Nina Römer © Rolf Oeser

Meine Freundinnen sind im Moment in vergleichsweise sicheren Gegenden. Aber jede Region und jede große Stadt in der Ukraine wird jeden Tag beschossen. Wir tauschen Informationen darüber aus, wie man überleben kann, in der Stadt, im Krieg.

Iryna hilft jetzt ihren Verwandten so gut wie möglich. Sie leben an der Frontlinie in einem kleinen Ort, der seit Wochen hart umkämpft wird. Eine Woche lang hatte Iryna überhaupt keinen Kontakt zu ihnen. Sie telefonierte tagelang mit Ehrenamtlichen, von denen schließlich ein junger Mann während einer Feuerpause zur Adresse der Verwandten fuhr. Alle sind am Leben, konnten aber ihre Handys nicht laden. Der freiwillige Helfer brachte ihnen geladene Handys, externe Akkus, Arzneimittel und Essen und Trinken. „Von unserem Haus ist kaum noch was geblieben“, erzählen sie, „wir sitzen im Keller. Für die Toilette haben wir draußen ein tiefes Loch gegraben. Und Gott sei Dank gibt es in der Nähe einen Brunnen. Manchmal wird Tag und Nacht bombardiert, deshalb haben wir einen Schützengraben zum Brunnen ausgehoben und kriechen oder laufen gebückt, um Wasser zu holen. Einige Menschen sind schon an Hunger, Durst und Krankheiten gestorben. Der Mangel an Medikamenten ist eine Katastrophe. Ohne die Ehrenamtlichen, die ihr Leben riskieren, wären wir und viele andere gestorben.“

Elena ist mit ihrem Mann und ihrer Mutter aus dem Westen der Ukraine nach Kiew zurückgekehrt. Dort ist es relativ ruhig. Trotzdem hat sie in der Wohnung die Möbel nach der Zwei-Wände-Regel umgestellt. Im Falle einer „Ankunft“ (das bedeutet Anflug und Explosion einer russischen Rakete) schützt die erste Wand vor der Stoßwelle und die zweite vor Splittern. Der beste Platz ist der Flur: Zwei Wände und keine Fenster. Kühlschrank, Tisch und Stühle stehen im Flur. Alle Vasen, Töpfe, Flaschen und die Badewanne sind mit Wasser gefüllt. Ihr Mann hat eine „Leitung“ für das Regenwasser vom Balkondach zu einem großen Behälter installiert.

„Ins Regen- und Schmelzwasser solltest du eine Prise Salz oder Asche geben. Sonst muss man viel trinken, um den Durst zu löschen. Aus diesem Grund lieber keine Salami, Wurst und etwas Ähnliches essen, weil das zu salzig ist“, sagt Oksana. Ihr Mann und ihr Sohn waren seit 2014 mehrmals an der Front. Sie gibt uns einen Schnellkurs im Überleben. Hauptfeinde im Krieg sind Hygieneprobleme. Menschen sterben oft nicht durch Kugeln, sondern an Entzündungen, der Ruhr und Hautkrankheiten. Bei jeder Gelegenheit muss man die Schuhe trocknen. Gewaschen wird mit Pfützenwasser. Vollkornriegel, Trockenfrüchte und Nüsse muss man immer in der Tasche haben, um auch in schwierigen Situationen etwas zu essen zu haben. Aus Zeitungspapier kann man Einlegesohlen machen, das hält die Füße warm.

Wertsachen? Das Wertvollste sind Handys, Taschenlampen, Batterien, Akkus, Feuerzeuge und Streichhölzer.

Die Journalistin Nina Römer schreibt in unregelmäßigen Abständen von ihren Verwandten und Freund:innen in der Ukraine. Sie lebt seit 20 Jahren in Deutschland, zurzeit in Wiesbaden.

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