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Leben im Krieg: In Sicherheit

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Nina Römer. privat
Nina Römer. privat © Rolf Oeser

Die Journalistin aus Wiesbaden telefoniert morgens und abends mit ihren Freundinnen. Sie berichtet in der FrankfurterRundschau.

Ukrainer sind humorvoll. Gleich am Beginn des Krieges hat der ukrainische Präsident seine eigene Rettung mit einem ironischen Satz abgelehnt: „Ich brauche Munition, keine Mitfahrgelegenheit.“ Das ukrainische Verteidigungsministerium hat mit kreativen und witzigen Videos „Danke schön, Deutschland“ und „Merci beaucoup, France“ für die Hilfe gedankt. Vor kurzem hat Präsident Selenskyj in einem Interview einen Witz über den Krieg erzählt. Das hat hier zu Lande niemanden wirklich überrascht. Er war doch zuvor nur ein Schauspieler und Komiker.

„Nein“, erwidert erstaunt meine Freundin Iryna. „Selenskyj hat ein Jurastudium absolviert und ein erfolgreiches Rundfunkunternehmen mitbegründet. Zudem war er nicht nur ein Schauspieler, Regisseur, Drehbuchautor und Filmproduzent. Für uns war er in erster Linie ein Satiriker, der Regierungen, Politiker, Oligarchen und alle Missstände in unserem Land bissig kritisiert hat. Sein Team macht weiter jede Woche Konzerte, in denen sie sich über Putin lustig machen, mit Witz und Ironie kämpfen und uns mit Humor motivieren. Einer der heutigen populären Witze: Die ukrainische Armee kämpft so gut, dass die Nato sich um den Ukraine-Beitritt bewerben muss.“

„Genau“, stimmt ihr Elena, die Hobby-Psychologin, zu.

Lachen hilft uns zu überleben und hält uns zusammen. Es senkt den Blutdruck, verbessert den Schlaf, reguliert den Blutzucker, baut Stress ab und stärkt das Immunsystem. Ich weiß nicht, ob Schokolade glücklich macht. Es wurde aber bewiesen, dass beim Lachen Glückshormone und Killerzellen, die auch Krebszellen vernichten können, ausgeschüttet werden. Lachen ist das beste Mittel gegen Angst. Jeden Tag werden wir bombardiert und hören Raketen oder Drohnen vorbeifliegen. Was machen wir dann? Wir googeln im Internet: „Wie man aus dem Stegreif und mit Hausmitteln ein Flugzeug abschießen kann.“

„Unsere Parole: Lachen heißt nicht Schlappmachen. Durchhalten!“, sagt Oksana. „Wir lassen uns nicht unterkriegen. Bald ist Weihnachten und Silvester. Am Sonntag wurde in Kiew der Hauptchristbaum der Ukraine aufgestellt. Der Tannenbaum ist in diesem Jahr nicht echt, sondern künstlich, geschmückt mit Figuren von weißen Tauben und ohne elektrische Beleuchtung. Oder doch. Girlanden gibt es, wie auch viele Fahrräder neben dem Christbaum. Wer will, kann aufs Fahrrad steigen, in die Pedale treten, und schon leuchten Lichterketten. Mein Lieblingskriegswitz? In der Sowjetzeit haben wir sehr viele Filme über den Zweiten Weltkrieg gesehen. Dort wurden oft dramatische Szenen auf dem Schlachtfeld gezeigt, wenn deutsche Panzer in die Offensive gingen. Wer hätte damals gedacht, dass der Satz: ,Die deutschen Panzer kommen!‘ uns sehr freuen würde.“

Die Ukrainer:innen bedanken sich bei allen Deutschen für ihre Herzenswärme, Hilfe und Unterstützung. Frohe Weihnachten und ein friedliches neues Jahr.

Die Journalistin Nina Römer schreibt in unregelmäßigen Abständen von ihren Verwandten und Freund:innen in der Ukraine. Römer stammt von dort, lebt aber seit mehr als 20 Jahren in Deutschland, zurzeit in Wiesbaden.

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