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Alle Kinder finden´s toll, wenn Miriam Gräff den Elefanten Lilo Lausch erzählen lässt.

Wiesbaden

Lauschen mit Elefantenohren

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Jungen und Mädchen lernen das Zuhören. Eine Stiftung zeichnet das Wiesbadener Kinderhaus für sein Bildungskonzept aus.

Um 11.30 Uhr ist „Lilo-Lausch-Zeit“ im Wiesbadener Kinderhaus Schwalbacher Straße. Sieben Kinder im Vorschulalter sitzen im Kreis um Lilo Lausch, eine graue Elefantenpuppe. Es ist laut, die Kinder sind unruhig, denn anders als sonst schauen an diesem Montag Politiker, Journalisten und Fotografen zu. Doch schon nach wenigen Augenblicken fesselt Miriam Gräff die Aufmerksamkeit der Kinder mit der Handpuppe Lilo Lausch. Die Sozialpädagogin lässt die Kinder ihre Augen schließen. Mit der Handpuppe spielt sie ein paar Töne auf der Sansula. Erst als die Töne des Instruments verklingen, öffnen die Kinder ihre Augen. Nun sind sie ruhig und bereit für die Geschichte des „dicken, fetten Pfannkuchen“.

Auf diese Weise beginnt einmal wöchentlich die „Lilo-Lausch-Zeit“ in 20 Wiesbadener Kindertagesstätten. Mit Instrumenten, Kurzgeschichten und Bewegungsspielen lernen die Kinder Klänge, Geräusche und ihren eigenen Körper wahrzunehmen. Das Kinderhaus Schwalbacher Straße setzt seit 2012 auf „Lilo Lausch – Zuhören verbindet“. Als bundesweit erste Einrichtung erhielt es am Montag das Qualitätssiegel der Stiftung Zuhören, die das pädagogische Konzept zusammen mit der Justus-Liebig-Universität Gießen entwickelt hat. „Die Auszeichnung macht uns stolz“, sagt Birgit Apel, Geschäftsführerin des Deutschen Kinderschutzbundes Wiesbaden, der Träger des Kinderhauses ist.

Mit Lilo Lausch lernen die Kinder nicht nur das Zuhören. Der Stoffelefant mit den großen Ohren soll den Kindern auch interkulturelle Kompetenz und Selbstbewusstsein vermitteln. Viele Kinder im Kinderhaus Schwalbacher Straße wachsen mehrsprachig auf. Während der Lilo-Lausch-Zeiten können sie ihre Muttersprache mit ihren Freunden teilen. Dann hört man Deutsch, Türkisch, Italienisch, Spanisch oder Russisch. Seit dem Start des Programms vor rund sieben Jahren sei das Kinderhaus auf diese Weise viel bunter geworden, berichtet Leiterin Barbara Metzler. „Es ist ein wunderschönes buntes Miteinander.“

Auch die Sozialpädagogin Miriam Gräff schwärmt von der Wirkung des grauen Stoffelefanten. Die 51-Jährige ist Fachkraft für Sprache und Inklusion und leitet die Lilo-Lausch-Zeiten im Kinderhaus Schwalbacher Straße gemeinsam mit einer Kollegin. „Wenn die eigene Sprache gesprochen werden darf, öffnet das auch die Sinne für andere Sprachen – und eben auch für Deutsch“, sagt Gräff. Die Zeit mit der Handpuppe fördere aber nicht nur Sprache, Offenheit und Toleranz, sondern trainiere außerdem die Achtsamkeit der Kinder.

Eine wichtige Rolle spielen dabei die Eltern der Kinder. An diesem Montag sitzt die 37-jährige Serpil Tug im Kreis um den Elefanten. Gemeinsam mit ihrem fünfjährigen Sohn Ömer und den Pädagoginnen liest sie die Geschichte von dem „dicken, fetten Pfannkuchen“ vor – mal auf türkisch, dann auf Deutsch. Die Kinder lauschen gespannt, wie der Pfannkuchen zunächst einer Pfanne, dann Hase, Wolf und Ziege entkommt. Immer wieder wiederholen sie einige türkische Wörter.

Nach rund 20 Minuten ist die „Lilo-Lausch-Zeit“ vorbei. Die Kinder singen ein Abschiedslied und verschwinden gut gelaunt zum Mittagessen. Auch Serpil Tug ist entspannt. Sie nimmt regelmäßig an den Übungen teil. Kommunikation sei Zuhören, sagt Tug. „Und als Mutter weiß ich, dass ich das selbst vorleben muss.“ Tug kam selbst mit neun Jahren aus der Türkei nach Deutschland. Damals gab es keine Programme wie „Lilo Lausch“. „Ich musste mir Deutsch selbst beibringen.“ Ihr Sohn bringe dagegen sogar Wörter aus anderen Sprachen nach Hause. Es sei schön, dass die Kinder durch die Zeit mit dem Elefanten ein Gefühl für andere Sprachen bekämen, sagt Tug, denn Vielfalt habe ein riesiges Potential. „Und ich wünsche mir, dass wir das erkennen.“

Das Angebot

An dem Programm „Lilo Lausch – Zuhören verbindet“ nehmen deutschlandweit rund 350 Einrichtungen teil. In Wiesbaden sind es 40 Kindertagesstätten, in Frankfurt fünf.

Kindergärten und Schulen können sich unter der Mail-Adresse: lilolausch@stiftung-zuhoeren.de für eine Fortbildung und eine mehrsprachige Materialbox bewerben.

Details zu „Lilo Lausch“, einen akustischen Elternbrief auf 17 Sprachen und den Link zur IPAD-App finden sich unter www.lilo-lausch.de

Informationen zur Stiftung Zuhören gibt es auf www.zuhoeren.de

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