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Ein laues Lüftchen

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In Wiesbaden wird es immer heißer / Klimabericht veranlasst Stadt zum Handeln

Von Gesa Fritz

Das Rumgemeckere über das Wetter in Wiesbaden hat eine lange Tradition. Schon vor 80 Jahren konnte man in einer Zeitung dieser Stadt nachlesen, dass das Klima im Sommer „unerträglich“ sei. Diese unfreundliche Formulierung stammte übrigens von anderen Kur-Städten – vermutlich wollten sie potenziellen Gästen den Besuch vergällen.

Heute hat die Kritik am Wetter einen deutlich ernsteren Hintergrund und ist zudem mit Zahlen unterlegt. „In Wiesbaden wird es im Jahresmittel immer wärmer“, sagt Umweltdezernent Arno Goßmann (SPD). Er hat gestern den aktuellen Bericht zum Stadtklima Wiesbadens vorgestellt – der erste seit 1995.

In ihm lässt sich ein Anstieg der Jahresmitteltemperaturen für die vergangenen zehn Jahre deutlich aufzeigen. Eine Ursache des Übels ist demnach die Kessellage der Stadt. Hier kann sich Hitze besonders gut stauen. Außerdem soll die Stickoxydbelastung enorm sein – besonders in viel befahren Straßen wie im Kaiser-Friedrich-Ring. Ein laues Windchen, dass neben der Hitze auch die Abgasse forttragen könnte, weht meist nur in den privilegierten Hanglagen.

Auch die Folgen, die Goßmann für die Bewohner der Landeshauptstadt aufzeigt, klingen äußerst unschön: Schlafstörungen, Erkrankungen der Atemorgane oder Kreislaufprobleme listet er unter anderem auf.

Um zumindest etwas zu beruhigen: Wiesbaden liegt mit der Entwicklung und den damit verbundenen Risiken voll im Trend. Trotz Talkessel sollen die Zahlen aus der hessischen Landeshauptstadt nahezu identisch mit bundesweiten Mess-Ergebnissen sein.

Darauf will Goßmann sich allerdings nicht ausruhen. „Wir müssen etwas tun“, sagt er. Wesentlich für ein besseres Stadtklima sind nach Erkenntnissen seines Dezernates Frischluftschneisen. Das können Täler mit Bächen sein, aber auch vernetzte Grünflächen in der Innenstadt.

Damit die Luft frei zirkulieren kann, soll künftig verstärkt beim Bau von Gebäuden darauf geachtet werden, dass diese dem lauen Lüftchen nicht im Wege stehen. „So etwas wie das R+V-Hochhaus wäre heute nicht mehr möglich“, sagt der Umweltdezernent.

Erste Schritte hat die Stadt bereits unternommen. So wurde im Wellritztal ein ehemaliges Gärtnerei-Gebäude abgerissen, das den Luftstrom störte, und der Wellritzbach dort aus dem Kanalbett befreit. „Das Westend lebt davon, dass hier eine Belüftung erfolgt“, sagt Goßmann. Weitere Abschnitte des Wellritzbaches aber auch des Kesselbaches sollen demnächst renaturiert werden.

Auch bei der Planung von Bierstadt Nord hätten Fragen des Stadtklimas eine Rolle gespielt. „Wir betreiben eine aktive Klimapolitik, um Frischluftgebiete zu erhalten“, sagt Goßmann. Wenn private Grundstückseigner sich engagieren wollen – etwa indem sie aus Betonhöfen Gärten machen – müssen sie das allerdings in Eigenregie finanzieren. Geld für ein Förderprogramm hat die Stadt derzeit nicht zur Verfügung.

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