Es werden immer mehr Antidepressiva verschrieben.
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Es werden immer mehr Antidepressiva verschrieben.

Das lange Warten auf die Therapie

Der Bedarf an Behandlungen ist hoch, doch die meisten Praxen sind ausgebucht

Von Irmela Heß

Psychische Erkrankungen nehmen seit Jahren zu. Die Zahl der Therapieplätze nicht. Die psychotherapeutischen Angebote in Mainz und im Kreis Mainz-Bingen sind begehrt, die Wartelisten lang. Lang sind auch die Wartezeiten: Durchschnittlich zehn Wochen müssen Mainzer auf ein Erstgespräch beim Therapeuten warten, Betroffene im Kreis Mainz-Bingen sogar rund 25 Wochen. Das ergab eine Befragung der Landespsychotherapeutenkammer. Trotzdem gelten Stadt und Kreis offiziell als überversorgt.

Rund 19 Wochen dauert es in Mainz durchschnittlich, bis eine Therapie beginnt; im Kreis Mainz-Bingen vergehen sogar rund 41 Wochen. Eine lange Zeit für Menschen, denen es seelisch schlecht geht. Und die diese Wochen oft nur mithilfe von Medikamenten wie Antidepressiva überstehen. Da überrascht es nicht, dass Rheinland-Pfalz zu den Spitzenreitern unter den Bundesländern bei der Verschreibung von Psychopharmaka gehört.

Auch bundesweit steigt der Bedarf an Therapien, die entweder in Kombination mit oder statt Medikamenten helfen können. Laut Techniker Krankenkasse wurden bundesweit 2009 doppelt so viele Antidepressiva verordnet wie im Jahr 2000. Und: Die Zahl der Fehltage von Berufstätigen aufgrund psychischer Störungen ist in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen.

Angstzustände, Depressionen, psychosomatische Krankheiten, Erschöpfungssyndrome: Es gibt viele Gründe, sich in psychotherapeutische Behandlung zu geben. Und immer mehr Menschen suchen diese Hilfe. Doch der Griff zum Telefon zieht oft ein Frustrationserlebnis nach sich: Die Praxen sind ausgebucht, der Anrufer kann sich oft nur auf die Warteliste setzen lassen. Mögliche Folge: Verschiedene Störungen, die am Anfang gut zu behandeln sind, können chronisch werden. Die Folge: Mehr Medikamente werden nötig, mehr Ausfalltage fallen an.

Laut Kassenärztlicher Vereinigung stehen rund 110 psychologische und ärztliche Therapeuten mit Kassenzulassung für die rund 200000 Mainzer Bürger zur Verfügung, was laut bundesweit geltendem Bedarfsschlüssel einem Versorgungsgrad von 167 Prozent entspricht. Im Kreis sieht es schlechter aus: Für rund 21000 Einwohner gibt's etwa 32 Psychotherapeuten, der Versorgungsgrad liegt hier offiziell bei 124,5 Prozent. Berechnet wird dieser laut Bundesregelung nach Einwohnern und Gebietsstruktur.

Für eine Stadt wie Mainz soll es im Durchschnitt einen Therapeuten pro 3203 Einwohner geben, in Gebieten wie dem Kreis Mainz-Bingen einen für 8567 Bürger. Offiziell sind also sowohl Stadt als auch Kreis überversorgt. Der Grund: Als 1999 diese Verhältniszahlen eingeführt wurden, gab es in Mainz und Mainz-Bingen bereits mehr Therapeuten als für eine Versorgungsquote von 100 Prozent nötig gewesen wären. Für diese Praxen galt Bestandsschutz.

Einmal im Vierteljahr prüft ein Landesausschuss, ob der nötige Versorgungsgrad noch gegeben ist. Solange er nicht unter 110 Prozent fällt, erhält kein weiterer Psychotherapeut eine Kassenzulassung. Trotz stark gestiegenem Bedarf ist also seit 1999 die Zahl der Mainzer Psychotherapeuten weitgehend gleich geblieben.

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