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Die kurze Blüte des Club Voltaire

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Von: Madeleine Reckmann

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Voller Erinnerungen: der ehemalige Vorsitzende des Wiesbadener Club Voltaire, Werner Wahler, in seinem Arbeitszimmer.
Voller Erinnerungen: der ehemalige Vorsitzende des Wiesbadener Club Voltaire, Werner Wahler, in seinem Arbeitszimmer. © Michael Schick

Das Forum für Diskussionen über Politik und Gesellschaft hält sich nur zwei Jahre. Es gibt nicht genug Toiletten, und das interessierte Publikum fehlt.

Es sind hehre Ziele, die eine Gruppe junger Leute um Reinhard Peukert und Werner Wahler 1967 veranlassen, auch in Wiesbaden einen Club Voltaire nach dem Frankfurter Vorbild zu gründen. Sie möchten ein Forum für Diskussionen über Politik und Kultur schaffen, wo gesellschaftliche Veränderungen gedanklich durchdrungen werden können. Die außerparlamentarische Opposition soll auch in der Landeshauptstadt einen Ort haben. Die Gründung vollzieht sich rasch, im Rückblick vielleicht zu rasch: Ein Verein bildet sich, die Drei-Zimmer-Wohnung in der Webergasse 56 wird angemietet. Zur Eröffnung am 3. Dezember 1967 tritt Hanns Dieter Hüsch auf. „Er bereitete uns auf die Freiheit vor“, steht bezugnehmend auf Voltaire, den Philosophen der Aufklärung, auf der Einladung. Übersehen wird etwas sehr Profanes: Es gibt nur ein Klo, aber 50 Sitzplätze. Die unzulänglichen Sanitäranlagen werden mit dazu beitragen, dass dem Club Voltaire in Wiesbaden kein langes Leben beschieden sein wird.

„Wir wollten die Gesellschaft verändern“, erinnert sich Werner Wahler, aber nicht mit Gewalt, sondern mit Bildung und Informationen. Nicht Umsturz ist das Ziel, sondern die Kontrolle der Macht auf dem Boden der sozialen freiheitlichen Demokratie. Das Clubkonzept legt fest, dass extremistische Positionen sinnlos seien, „weil sie das Gangbare verschütten“.

Zunächst geht das Konzept auf, dennoch werden radikalere Kräfte den Club schwächen. In der gemütlichen Landeshauptstadt werden sich letztendlich nicht genug Menschen für einen politischen Wandel interessieren; die Stadt liegt nur an der Peripherie der Bewegung, nicht im Zentrum.

Als Feinmechaniker und Gewerkschafter ist Wahler kein typischer 68er. Aber der damals 26-Jährige nimmt die Dinge in die Hand und gehört dem Vereinsvorstand an. Werden im Club Voltaire Demonstrationen beschlossen, was jede Woche der Fall ist, meldet Wahler sie bei den Behörden an. Demonstriert wird anlässlich des Attentats auf Martin Luther King und der Schüsse auf Rudi Dutschke, gegen den Vietnamkrieg und die Notstandsgesetze. Arbeitsgruppen beschäftigen sich mit Machtmissbrauch und Machtkontrolle, Literatur und Gesellschaft, Kommunalpolitik und Dritte Welt. Das kulturelle Programm ist anspruchsvoll: Die Filme Der Untertan und Die Affaire Blum werden gezeigt, Jazz- und Folklorekonzerte gegeben, Autorenlesungen organisiert. Die Themen sind dieselben wie in anderen Städten, aber das Wiesbadener Ambiente ist weniger konfrontativ als etwa das in Frankfurt. Sogar Polizeipräsident Enders beteiligt sich an einer Diskussion über den Vietnamkrieg. Auf die Frage, ob die Polizei etwas gegen eine spontane öffentliche „Gedenkpause“ für die Opfer tun würde, antwortet dieser, dass er hoffe, dass sich möglichst viele Bürger beteiligten. Wahler wundert sich noch heute über diese Reaktion. Renommierte Geschäfte schalten Anzeigen im Programmheft. Der Club Voltaire wird nicht als gegnerisch begriffen. Als Hunderte Teilnehmer einer Demonstration gegen das Ende des Prager Frühlings das Parkcafé in der Wilhelmstraße erstürmen möchten, um die Gäste politisch aufzurütteln, lassen sich die Demonstranten überreden, dass nur Wahler und Stadtverordnetenvorsteher Robert Krekel den Cafébesuchern das Anliegen erklären. Der befürchtete Aufruhr bleibt aus.

Dennoch gehen die Aktionen einigen Clubbesuchern nicht weit genug. Anstatt nur zu diskutieren, möchten sie „effektive Kampfmaßnahmen zur Veränderung der gesellschaftlichen Verhältnisse“ praktizieren. Es kommt zum Bruch. Die Radikalen entfernen sich. Es wird einsamer.

Zudem verzögern sich die Umbauten der Clubräume. Geplant waren sie für die Sommermonate 1968, aber sie dauern bis März 1969. Für seine Veranstaltungen muss sich der Club andere Säle suchen. Er etabliert sich nicht als fester Anlaufpunkt. Als die Räume endlich fertig sind, treffen sie nicht den Zeitgeschmack, berichtet Wahler. Mit seinen schicken Safari-Sesseln hat der Club das improvisierte Ambiente verloren.

Zeitgleich baut das städtische Jugendamt den Pop-Club auf, einen von festen Mitarbeitern betriebenen offenen Jugendtreff am Platz der Deutschen Einheit, der viel Publikum anzieht. Der ehrenamtlich organisierte Club Voltaire kann nicht mithalten. Mehrere Vorstandsmitglieder treten zurück, die Arbeit ruht auf immer weniger Schultern. Im April 1970 meldet Wahler den Konkurs des Vereins an. Im Oktober ist der Club Voltaire Geschichte.

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