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Die Künstler stehen Schlange

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Angesagte Location für alternative Musik: der Schlachthof in Wiesbaden.
Angesagte Location für alternative Musik: der Schlachthof in Wiesbaden. © Monika Müller

Die Zeiten, als es schwer war Bands für Wiesbaden zu gewinnen, sind längst Vergangenheit. Die Besucher tanzen über der zugeschütteten Blutrinne. Von Dimitri Taube

Von Dimitri Taube

Etliche Musikbands und Solokünstler machen einen Bogen um Wiesbaden. Sie fahren lieber nach Frankfurt. Oder nach Berlin, Hamburg und Köln. An mangelhaften Geografie-Kenntnissen liegt es nicht, auch wenn Agenten internationaler Künstler schon mal nett fragen, wo dieses lustige Städtchen eigentlich liegt. Wörtlich heißt es dann: "Where the fuck is Wiesbaden?"

So war es damals, Mitte der neunziger Jahre. Das junge Schlachthof-Team hatte es schwer, Stars ins neue Kulturzentrum am Hauptbahnhof zu locken. Hendrik Seipel-Rotter - seit 1997 dabei und heute Pressesprecher des Hauses - weiß noch, dass sich vor allem Künstler-Agenten aus dem Ausland anfangs nur selten überzeugen ließen, in Wiesbaden aufzutreten.

Das ist längst Vergangenheit. Glaubt man Seipel-Rotter, bestehen viele Musiker inzwischen darauf, während ihrer Tour im Schlachthof zu spielen. Sie schätzen die Nähe zum Publikum und den alternativen Touch, noch mehr aber die Verantwortlichen des Kulturzentrums sowie deren Philosophie, eher wenig prominente Bands zu unterstützen.

15 Jahre Kritik am Programm

Seit 15 Jahren amüsieren sich die Menschen nun an jenem Ort, wo die Arbeiter einst das Vieh schlachteten. Zum Teil tanzen die Besucher immer noch dort, wo in Zeiten des Ur-Schlachthofs die Blutrinne lag. Die neuen Hausherren haben sie in den Neunzigern lediglich zugeschüttet. Das erste Konzert fand am 5. Dezember 1994 statt, mit "Spock" und "Cellkirk". Das Programm war zu Beginn überschaubar. Doch mit den Jahren erweiterten die Macher das Spektrum.

Sie bieten daher heute Rock und Heavy Metal genauso an wie Jazz, Funk und Soul. Neben Konzerten stehen Diskos und Flohmärkte, Theater und Lesungen im Kalender. Die Veranstaltungen finden entweder direkt in der Murnaustraße 1 (ehemalige Gartenfeldstraße 57) statt oder in angemieteten Häusern in der Region.

15 Jahre Schlachthof heißt auch: 15 Jahre Kritik. Den Kommerz- und Mainstream-Vorwurf gebe es seit dem ersten Tag, sagt Carsten Schack. Der Geschäftsführer verweist auf wirtschaftliche Zwänge. "Bei einer Eigenfinanzierung von fast hundert Prozent sind wir davon abhängig, auch kommerzielle Veranstaltungen zu machen."

Schack kennt die ganze Schlachthof-Geschichte, er war 1994 einer von 20 "kulturbegeisterten Freaks und Visionären", wie es im aktuellen Programmheft über die Anfänger heißt. 13 von ihnen sind noch aktiv. Ihre Hauptaufgabe sehen die Macher heute darin, zwischen Mainstream und Off-Kultur einen Platz zu finden. Sie wollen Denkanstöße und Aha-Erlebnisse liefern und für frische Trends und neue Bands sorgen.

Es wäre nicht das erste Mal. Carsten Schack und seine Kollegen haben diverse Künstler von der ersten Stunde bis zum großen Erfolg begleitet. Zum Beispiel Sportfreunde Stiller. Bei ihrer Schlachthof-Premiere spielten sie Ende der neunziger Jahre gerade einmal vor 40 Besuchern. Heute füllen sie Hallen.

Auch Enttäuschungen gibt es

"Liquido" dagegen haben sich mittlerweile aufgelöst. Ein Gastspiel der Band vor ein paar Jahren verursachte einen der finanziellen Flops im Schlachthof. Gebucht für die große Halle, zogen "Liquido" lediglich 300 Gäste. Der Verlust: Mehrere 10000 Euro.

Manch andere Band enttäuschte wiederum aus rein künstlerischen Gesichtspunkten. Namen will Hendrik Seipel-Rotter da lieber nicht nennen. Viel lieber spricht er über die Höhepunkte: Motörhead und Tocotronic, die Fantastischen Vier und Samy Deluxe, Nina Hagen und The Hives; sie alle und noch viele andere Bands und Solokünstler haben den Weg nach Wiesbaden ganz selbstverständlich schon gefunden.

Where the fuck is Wiesbaden? - Das fragt heute keiner mehr.

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