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Kröten im Liebesrausch

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Hochschwanger und mit leerem Magen tragen derzeit die Weibchen ihre Männer zum See

Von Gesa Fritz

Geküsst wird nicht. Nicht hier und nicht jetzt. Auch wenn rein statistisch die Chance, unter den anwesenden Hüpfern einen verzauberten Prinzen zu finden, relativ groß sein sollte. Doch wer zur nächtlichen Stunde zum Eishaus nahe der Fasanerie aufbricht, hat anderes im Sinn, als sich einen Prinzen zu angeln.

Unter der Regie des Naturschutzbundes Wiesbaden (Nabu) werden hier seit Anfang März Erdkröten, Grasfrösche, Feuersalamander und Faden- oder Bergmolche aufgelesen. Angesichts der nahenden Tag-Nacht-Gleiche sind die Tiere wieder im Liebesrausch und lassen – wie in diesem Zustand so typisch – jegliche Vorsicht fahren. Zu ihrem Schutz queren die Amphibien deshalb die vielbefahrene Landstraße mit eigenen Trägern im sicheren Eimer.

Vor allem Kröten nehmen den Service in Anspruch. Mehr als 1700 der Tiere wurden vergangenes Jahr an dieser Stelle über die Straße getragen. Einen ähnlichen Shuttle-Service bietet das Naturschutzhaus im Goldsteintal. In Auringen sind für die Tiere Tunnel gegraben.

Meist werden männliche Kröten aufgegriffen. „Auf ein wanderndes Weibchen kommen vier Männchen“, sagt Rainer Pietsch vom Nabu. Warum das so ist, kann er auch nur spekulieren.

Tatsächlich gerät als erstes ein kleiner Kerl in den Lichtkegel seiner Taschenlampe. Pietsch nimmt ihn vorsichtig auf und dreht ihn auf den Rücken, um die markanten Merkmale seiner Männlichkeit zu präsentieren: besonders lange Daumen. Dann dreht Pietsch die Kröte zurück und drückt ihr vorsichtig auf den Rücken. Das Tier gibt ein helles Quaken von sich. Kein Zweifel: Das ist ein Männchen.

Unter den Kröten gibt es eine ganz klare Rollenverteilung: Zu sagen haben nur die Männchen etwas. Die Weibchen schweigen. Ihre Aufgabe ist es, nach rund einem halben Jahr Winterstarre hochschwanger und mit leerem Magen die Männchen auf dem Rücken in mehreren Tagesmärschen die rund zwei Kilometer zum nächsten Teich zu tragen. Chapeau, möchte man da sagen.

Die Männchen haben es natürlich auch nicht ganz leicht. Zum einen ist es bei dem Damen-Mangel außerordentlich schwer, überhaupt eine selbige für eine tragfähige Partnerschaft zu finden. Selbst Pietsch, der über ungleich längere Beine verfügt und entsprechen schneller vorankommt, entdeckt an diesem Abend kein einziges weibliches Tier.

Entdeckt der suchende Erdkröten-Mann dann einen Artgenossen, herrscht erst einmal Unklarheit, ob es sich auch wirklich um eine Dame handelt. Feststellen kann er dies, indem er dem fremden Hüpfer auf den Rücken klettert und sich mit den markanten Daumen an ihm festklammert. Ertönt ein empörtes „Ük!“, war es leider Pech und nicht die ersehnte Holde.

Damit sich die liebesblinden Amphibien nicht auf die Straße und damit ins Verderben stürzen, werden bereits im Februar Krötenzäune aufgestellt. Entlang des Zauns sind dann in regelmäßigen Abständen Eimer in die Erde eingegraben, in die die Tiere fallen können. Hier werden sie zweimal täglich von den Amphibien-Freunden eingesammelt.

So ist das zumindest beim Eishaus-Teich. An anderen Orten soll es noch andere geben, die sich für die Amphibienfallen interessieren. „Wildschweine sind Allesfresser“, sagt Pietsch. Wenn die Schweine einen Eimer voller Kröten entdecken, würden sie sich den vollen Futtertrog dankbar einverleiben. Und gerne auch in regelmäßigen Abständen wiederkommen, um einen Nachschlag zu nehmen.

Schutz vor hungrigen Wildschweinen brauchen die hiesigen Hüpfer bislang nur am Teich. Dort bewahrt sie seit drei Jahren ein elektrischer Zaun vor hungrigen Mäulern.

Die Hochzeit der Krötenleidenschaft erwartet Pietsch ab Sonntag. Wenn es dann regnet, herrschen für die Tiere ideale Bedingungen. Bis zu 500 Tiere sammelt er an solchen Tagen schon mal ein.

Zu Frosch-Knutschereien haben übrigens die Brüder Grimm – um das hier auch noch zu klären – zu keiner Zeit aufgerufen. Selbst wenn ein Zungenkuss mit den Tieren möglicherweise einen eigenen Reiz hätte. Um einen Prinz zu entzaubern, muss man das Tier laut Märchen kräftig gegen die Wand klatschen. Mit einem derartigen Ansinnen bei Rainer Pietsch am Eishaus anzutreten, ist allerdings keine wirklich gute Idee. Auch wenn Pietsch grundsätzlich ein sehr ruhiger und freundlicher Mensch ist.

Zur Kröten-Exkursion lädt Rainer Pietsch für Sonntag, 18. März, von 9.30 bis 11 Uhr ein. Treffpunkt ist an der Hubertushütte im Goldsteintal, eine Anmeldung ist nicht nötig.

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