Wiesbaden: Regisseur Adewale Teodros Adebisi in der Wellritzstraße, wo sein Stück „Inside Westend“ spielt.
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Regisseur Adewale Teodros Adebisi in der Wellritzstraße, wo sein Stück „Inside Westend“ spielt.

Wiesbaden

Konflikte unter Männern in der Wellritzstraße

  • Madeleine Reckmann
    vonMadeleine Reckmann
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Das Leben im Wiesbadener Westend gibt es jetzt als Theaterstück auf der Bühne.

Adewale Teodros Adibisi spaziert über die Wellritzstraße, grüßt und gibt dem ein oder anderen Menschen die Hand. Der 52-Jährige ist in dem Wiesbadener Stadtteil Westend bekannt und, das zeigen die Reaktionen, beliebt. „Hallo Teo“, ruft ein Mann herüber, der auf der Terrasse eines türkischen Cafés sitzt, wo Männer in dicken Autos langsam vorbeifahren.

Das Westend hat in Wiesbaden Brennpunktcharakter. Die Polizei meldet eine erhöhte Kriminalitätsrate, vor allem Körperverletzung und Diebstahl. Nachts sei der Platz der Deutschen Einheit ein Angstraum. Kürzlich warnte sogar der Wiesbadener Polizeipräsident vor „gewissen Familien“ und suggerierte damit, dass sogenannte Clans ihr Unwesen trieben. Das Quartier zwischen der Schwalbacher, der Emser und der Bismarckstraße gehört zu den am dichtesten besiedelten Vierteln Deutschlands. Einige Straßen liegen in der Waffenverbotszone, in der nachts keine Messer oder Rugbyschläger mitgeführt werden dürfen.

Jetzt hat Adebisi (52) ein Stück über das Viertel geschrieben. Es heißt „W183 - Inside Westend“. 183 ist eine Anspielung auf den Rapper Eno, der die letzten Ziffern der Wiesbadener Postleitzahl zu seinem Namen machte. Demnächst ist Premiere.

Theater und Corona

Das Corona-Hygienekonzept für das Staatstheater sieht vor, dass maximal 298 Zuschauer Aufführungen im Großen Haus sehen können, 77 im Kleinen Haus. Das entspricht der Corona-Kontakt-Betriebsbeschränkungsverordnung des Landes. Ein Konzept zur Nutzung des Foyers, des Studios sowie der Wartburg wird derzeit geprüft.

Die Premiere für das Stück „W183 Inside Westside“ ist für Samstag, 3. Oktober, 19.30 Uhr, in der Wartburg in der Schwalbacher Straße vorgesehen. Da das dortige Hygienekonzept noch nicht genehmigt wurde, kann sie sich verschieben. mre

Der junge Bulgare Fidan, den sich Adebisi für das Stück ausgedacht hat, wohnt in der Hellmundstraße, in einer armseligen Unterkunft, wo nur Bulgaren und Rumänen einziehen. „So wie dort“, sagt Adebisi und zeigt auf einen Hinterhof. Aber Fidans Leben spiele sich natürlich auf der Wellritzstraße ab und in einem der zahlreichen Friseursalons, die es hier in der Straße gibt. Auch die Rahmenhandlung hat sich Adebisi aus dem Westend abgeguckt: Der junge Bulgare gerät in Konflikt mit kurdisch-türkischen Familien, die im Viertel auch in der Realität das Sagen haben sollen. Auf der Bühne wird es am Ende Tote geben. „Das Stück hat keinen dokumentarischen Anspruch; es ist eine fiktive Geschichte“, versichert Adebisi. Kunst braucht eben Tragödien.

Der Regisseur, der in Wien geboren wurde, kennt das Quartier so gut, weil er einen Teil seiner Jugend im Westend wohnte. Von 1992 bis 1997 war er Regieassistent am Staatstheater Wiesbaden und ist heute Dozent für Schauspiel an der Folkwang Universität der Künste in Essen. Seit 2015 ist er außerdem Dozent für Schauspielführung im Studiengang Film an der FH-Dortmund.

Damals in den 1990ern hätten im Westend noch Deutsche gelebt und die Straßen gegen „die Ausländer“ - Italiener, Griechen, Türken - mit Beschimpfungen verteidigt, erzählt er. Heute lebten kaum noch Deutsche hier, weshalb sie auch im Stück keine Rolle spielten. Aber Besitzverteidigung gebe es immer noch. Die Migranten, die heute Häuser besitzen, Geschäfte führen und deren Kinder studieren, hätten einen Konservatismus entwickelt, der andere Menschen ausschließe, berichtet Adebisi. „Der Zyklus schließt sich.“

Es interessiere ihn, wie sich Klischees reproduzierten, sich Annahmen in Vorurteile verwandelten und sich verselbstständigten. Der junge Bulgare, der sich für Musik interessiere, betritt im Stück abends den Friseursalon, weil dort Menschen musizierten. „Jetzt kommen die Bulgaren schon nach Feierabend in die Läden“, heiße es im Stück, „wäre der Laden leer, würden sie klauen.“ „Keiner fragt, was er dort will“, sagt Adebisi.

Zudem hat der Regisseur einen Zusatzkonflikt kreiert. Fidan verliebt sich in ein kurdisch-türkisches Mädchen. Man ahnt es schon: Männer in seiner Familie haben etwas gegen die Verbindung. Die Schauspieler, Gäste aus anderen Städten, würden sagen: Das ist wie in Berlin, Dortmund und überall. Für Adebisi ist es eine Coming-of-Age-Geschichte: Die Charaktere gehen gereift und gestärkt aus den Konflikten hervor. Adebisi möchte mit dem Stück keine Vorbehalte schüren. Er versucht, die Protagonisten aus dem Westend als Menschen darzustellen, die sich verlieben, die Arbeit und ein gutes Leben suchen.

Daher steht am Ende des Stücks sein Kommentar, in dem es heißt, dass Familien im Westend leben und keine Banden. Der Staat solle sich mehr mit ihnen auseinander setzen und soziale Angebote machen, anstatt sie zusätzlich zu diskriminieren.

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