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"Hybrids" ist Joachim Krecks persönlicher Favorit. Hier werden Tiere und Abfall eins.

Trickfilme in Wiesbaden

Wenn Meeresbewohner mit Müll verschmelzen

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Zum 20. Mal werden in Wiesbaden hochkarätige Trickfilme gezeigt, auf einem deutschlandweit nahezu einmaligen Festival. Trotz Jubiläum ist seine Zukunft unklar.

Ausgerechnet die Jubiläumsausgabe könnte die letzte sein: Zum 20. Mal heißt es heute Abend „Film ab!“, wenn das Internationale Trickfilmwochenende in Wiesbaden beginnt. Bis zum 4. November werden im Biebricher Schloss zahlreiche Kurz- und Langfilme gezeigt.

In der Altbauwohnung von Joachim Kreck und Detelina Grigorova-Kreck nahe des Wiesbadener Hauptbahnhofs stehen wirklich sehr hohe Regale. Die Eheleute sind Filmenthusiasten und gehören zu den „Freunden der Filme im Schloss“, die seit 1998 das Festival organisieren. In einem Abstellraum stapeln sich unzählige Filmrollen bis unter die Decke – eigene Werke und die eines Freundes, sagt der 1935 geborene Kreck, jahrelanger Filmproduzent, -regisseur und -journalist.

Auch das Trickfilmwochenende wurde um die Jahrtausendwende noch analog beliefert. „Dann war unser ganzes Haus voll mit Filmboxen!“, sagt Grigorova-Kreck, Jahrgang 1957. Sie ist ebenfalls vom Fach: In den 1980ern hat sie als Dramaturgin in einem Trickfilmstudio in Sofia gearbeitet.

Nach 2004 kam beim Wiesbadener Festival ein halbdigitales Format zum Einsatz, immerhin ein bisschen platzsparender. Und so sieht es im Jahr 2018 aus: Grigorova-Kreck zeigt eine Festplatte, kaum größer als ein Geldbeutel. Auf ihr sind alle 96 Filme des diesjährigen Trickfilmwochendes gespeichert.

Überwiegend werden Kurzfilme gezeigt, die schnell begeistern. Zum Beispiel „Dear Basketball“, gerade einmal sechs Minuten lang und trotzdem mitreißend-emotional: Sanfte Bleistiftzeichnungen lassen den sonst so hektischen Sport elegant und leicht wie Ballett erscheinen. Dazu wird der Abschiedsbrief vorgelesen, mit dem Kobe Bryant seine Spielerkarriere beendet hat.

Oder der französische Film „Hybrids“. Auf den ersten Blick fällt kaum auf, dass er computeranimiert ist – wenn nur die Wasserbewohner nicht mit Abfällen verschmolzen wären: Raubfischaugen aus Autolichtern, Krebse mit alten Bierdeckeln auf dem Rücken. „Hybrids“ ist fantasievoll und politisch zugleich. Er erinnert uns Menschen daran, wie wir zunehmend unseren Planeten zerstören. Weil der Streifen die Kunst verkörpere, „Bilder auf die Wand zu zaubern“, ist er Krecks persönlicher Favorit.

Bei Trickfilmen kommt es natürlich auf die Technik an. Den klassischen 2D-Zeichentrick und die 3D-Animationen kennen die meisten. Aber die Nadelwandtechnik, die sogenannte Pinscreen Animation? Dazu braucht es eine mit Nadeln gespickte Wand, die seitlich angestrahlt wird. Bewegung entsteht, indem die Position der Beleuchtung verschoben wird. Enorm lang ist die Zeit, die dafür benötigt wird: Drei bis vier Jahre Arbeit ergeben gerade einmal fünf Minuten Film, sagt Kreck, „da muss man schon verrückt sein!“ Ob sich der Aufwand lohnt, können Besucher des Festivals anhand des Films „Étreintes“ beurteilen.

Technik ist jedoch nicht alles. Einige Trickfilmer würden zwar ihr Handwerk verstehen, aber nicht genug Talent mitbringen, sagt Kreck. Umso wichtiger, dass die Filme für das Wiesbadener Festival handverlesen sind. Dazu reist er jedes Jahr per Bahn auf das weltweit wichtigste Animationsfestival im französischen Annecy, seine Frau fährt nach Stuttgart. „Den guten Filmen muss man eben nachlaufen“, sagt Kreck.

Deutschlandweit gibt es lediglich in Stuttgart und in Wiesbaden reine Trickfilmfestivals. Vielleicht bald nur noch in Baden-Württemberg? Es sei unsicher, ob das Filmwochenende 2019 weiter geht, sagt Kreck – „aus finanziellen Gründen“.

Jetzt aber wird erst einmal groß gefeiert – im Jubiläumsjahr fünf statt der üblichen vier Tage. Schon am heutigen Mittwochabend werden die ersten Filme aufgeführt. Zur Eröffnung in der Filmbühne Caligari ist Oscar-Preisträger Alexandre Espigares anwesend, dessen „Mr. Hublot“ Teil der an diesem Abend gezeigten Höhepunkte aus den letzten zehn Jahren Trickfilmwochenende sein wird. Außerdem kommt Nachwuchstalent Nikita Diakurs, zu sehen ist sein Film „Ugly“.

Ab Donnerstag werden alle Filme im Kinosaal von Schloss Biebrich gezeigt. Grigorova-Kreck freut sich über dessen besondere Atmosphäre: „Wenn einer anfängt zu lachen, reißt das den ganzen Saal mit!“ Der Raum „ist gebaut, wie ein Kino sein soll“, ergänzt ihr Mann. Kein Wunder, schließlich ist im Schloss die deutsche Film- und Medienbewertung angesiedelt. Ihre Aufgabe ist es, künstlerisch besonders gelungene Filme zu prämieren.

Eine andere Auszeichnung hätte beinahe „The Breadwinner“ erhalten: Der für einen Oscar nominierte Langfilm spielt in Afghanistan, wo die elfjährige Parvana unter Kontrolle der Taliban aufwächst. Als ihr Vater verhaftet wird, ist das nicht nur ein echter Schicksalsschlag für sie. Auch droht ihrer Familie zunehmende Armut, schließlich dürfen Frauen in Afghanistan im Jahr 2001 nicht arbeiten, Das alles hält sie jedoch nicht von ihrem Willen ab, ihren Vater im Gefängnis zu besuchen. Dazu muss sie „nur“ noch zum Junge werden...

Aber sind Trickfilme nicht etwas für Kinder? In Deutschland hält sich dieses Klischee hartnäckig. „Die Filme, wie wir sie zeigen, sind unbekannt“, sagt Kreck nicht ohne Grund. Andernorts, etwa in den USA oder England, gebe es ganz selbstverständlich animierte Werbespots für Erwachsene. Dagegen werde hierzulande immer nur mit Frauen, Männern oder Autos geworben. Laut Kreck ist die Werbebranche generell sehr wichtig für Trickfilmer: „Die besten Leute arbeiten dort“ – und „träumen von eigenen Filmprojekten“.

Auch das Wiesbadener Festival richtet sich vornehmlich an Erwachsene – außer am Sonntagvormittag, wenn „Tricks for Kids“ Programm ist. Gezeigt werden Kurzfilme, darunter „Räuber Ratte“ als Vorpremiere. Im Fernsehen wird der Film erst an Weihnachten zu sehen sein.

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