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Mit Klischees gegen Vorurteile

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Der Verein kämpft kreativ gegen rassistische Vorurteile.
Der Verein kämpft kreativ gegen rassistische Vorurteile. © Boeckheler

„Wir in Wiesbaden“ wirbt mit der Veranstaltungsreihe „Draußen nur Kännchen“ für Vielfalt. Insgesamt sind rund 50 Veranstaltungen geplant, unter anderen Lesungen und Filmabende.

Von Peter H. Eisenhuth

Der Satz gehört zum deutschen Kulturgut – und das wahrscheinlich exklusiv: „Draußen nur Kännchen“, diesen mehr oder minder freundlichen Hinweis hat sich schon mancher Besucher alteingesessener Cafés hören müssen, der einen Kaffee auf der Terrasse trinken wollte.

„Draußen nur Kännchen“ nennt der Trägerkreis „Wir in Wiesbaden“ auch das sich über sechs Wochen erstreckendes Programm für Vielfalt und Demokratie, gegen Rechtsextremismus, Menschenfeindlichkeit und Gewalt. „Wir haben lange und kontrovers über dieses Motto diskutiert“, sagt Projektleiter Hendrik Harteman, „aber wir haben uns letztlich bewusst gegen die üblichen Schlagworte und für ein solches Klischee entschieden.“ Mit dieser verbalen Perle des Gastronomiepersonals verbinde sich in den Köpfen ein bestimmtes Bild. Und solche Bilder, solche Stereotype aufzubrechen, haben sich die 30 beteiligten Initiativen und Einrichtungen zum Ziel gesetzt.

50 Veranstaltungen – das ist Rekord – umfasst diese fünfte Reihe von „Wir in Wiesbaden“; viele, aber bei weitem nicht alle, beschäftigen sich mit dem Thema Migration. Einen spannenden und kurzweiligen Abend versprechen sich die Organisatoren schon von der Eröffnung am Freitag, 6. November. Nicht nur, weil Stadtverordnetenvorsteher Wolfgang Nickel (CDU) und Bürgermeister Arno Goßmann (SPD) unter den Rednern sind, sondern vor allem wegen der Teilnahme von Elisabeth Wiedenroth-Coulibaly, einer Mitgründerin der vor 30 Jahren in Wiesbaden entstandenen Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland (ISD).

Diskussion über Antidiskriminierung(sarbeit)

„Wenn sie über die Anfänge ihrer Bewegung und die heutigen Probleme und Herausforderungen spricht, wird sie sicher auch dem ein oder anderen politischen Entscheidungsträger auf den Fuß treten“, verspricht Harteman. (18 Uhr, Mauritius-Mediathek, Hochstättenstraße 6 bis 10). Die ISD beteiligt sich mit einem halben Dutzend Beiträgen an der Veranstaltungsreihe, unter anderem mit der Ausstellung „Daima – Images of Women of Color in Germany“, die am Donnerstag, 12. November, eröffnet wird (19 Uhr, Deutsches Filmhaus, Murnaustraße 6).

Dass die Macher von „Wir in Wiesbaden“ nicht nur öffentliche Diskussionen führen und auslösen wollen, sondern auch intern streitbar sind, zeigt schon die Zusammensetzung des Trägerkreises. Dem gehören kirchliche Jugendorganisationen über den Stadtjugendring ebenso wie beispielsweise die Humanistische Gemeinschaft Wiesbaden an, die sich nicht an religiösen Weltbildern orientiert. „Wir finden es im Trägerkreis immer wieder spannend, wie wir unsere eigene Vielfalt aushalten“, sagt Projektkoordinator Michael Weinand vom Stadtjugendring.

In den Räumen der Humanistischen Gemeinschaft wird der Philosoph und Schriftsteller Michael Schmidt-Salomon, Vorstandssprecher der atheistisch ausgerichteten Giordano-Bruno-Stiftung, der aus seiner Sicht rhetorischen Frage nachgehen: „Braucht der heutige Mensch noch Religion?“ (Samstag, 21. November, 15 Uhr, Rheinstraße 78).

Die Wiesbadener Stadtverordneten sind die Zielgruppe der Diskussion über „Antidiskriminierung(sarbeit) – Aber jetzt mal konkret“ am Dienstag, 1. Dezember, 18 Uhr, in der Hochschule Rhein-Main.

Dokumentarfilm „Neuland“

Für die gleiche Zeit lädt die Villa Schnitzer (Biebricher Allee 42) zu einem Salonabend mit literarischen Impressionen aus der Geschichte von Flucht, Vertreibung und Miteinander ein. Thema: „Gib dem Herrn die Hand, er ist ein Flüchtling“.

Die schulische Situation junger Flüchtlinge thematisiert der Dokumentarfilm „Neuland“, den das Murnau-Filmtheater am Donnerstag, 26. November, 16 Uhr, für Schulklassen und um 19 Uhr für alle Interessierten zeigt. An der anschließenden Diskussion nehmen auch die Flüchtlingsarbeit involvierte Lehrerinnen und Erzieherinnen teil.

Filme wie „Der kleine Tod. Eine Komödie über Sex“ (Freitag, 27. November, 20 Uhr, Caligari) sorgen dafür, „dass auch der Spaß nicht zu kurz kommt“, betont Gabi Reiter von der Fach- und Koordinierungsstelle der „Partnerschaft für Demokratie“ und empfiehlt vor allem den „Tanz für Toleranz“ (Freitag, 18. Dezember, 17.30 Uhr, Kulturpalast, Saalgasse 36). „Dieses Programm, bei dem auch die beste Wiesbadener Schulband gekürt wird, haben die Schüler komplett alleine zusammengestellt.“

Hohen Informations- und Unterhaltungswert verspricht auch die Lesung der 1992 als Elfjährige mit ihren Eltern aus Russland nach Deutschland gekommenen Lena Gorelik. „Sie können aber gut Deutsch“ – ein Satz, den sich die Journalistin und Schriftstellerin so oft anhören musste, bis sie nach vier Romanen ihr erstes Sachbuch schrieb. Mit exakt diesem Titel, der nicht minder deutsch ist als „Draußen nur Kännchen“.

Das gesamte Programm der bis zum 20. Dezember laufenden Veranstaltungsreihe „Wir in Wiesbaden“ findet sich auf der Internet Seite wir-in-wiesbaden.net. Hier können die rund 50 Veranstaltungen auch in einem Kalender angezeigt werden. Auch Mitmachen ist erwünscht: Im Netz finden sich die Anschriften der jeweiligen Kooperationspartner und Organisatoren.

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