+
Das Biomassekraftwerk der Eswe verbrennt hauptsächlich Altholz.

Wiesbaden

Wiesbaden: Klimaziele weit verfehlt

  • schließen

Umweltamt legt Bilanz 2017 vor: Energieverbauch steigt

Die Designflaschen mit dem Bügelverschluss sind ein Erfolgsmodell. Die städtischen Ämter bieten die mit Leitungswasser gefüllten Glasflaschen als Alternative zu Mineralwasser bei Besprechungen an. Jeder Gebrauch spart 158 Gramm Kohlendioxid, weshalb sie „158er“-Wasserflaschen heißen. Die Idee dazu kommt aus der ämterübergreifenden Task Force Klimaschutz. Andere Kommunen fänden die Idee so toll, dass sie die Flasche auch einführen möchten, berichtet Wiesbadens Klimaschutzbeauftragte Laura Gouverneur.

Die Flasche ist ein kleines Beispiel für die vielen bereits umgesetzten Ideen, mit denen sich das klimaschädliche CO2 einsparen lässt. Zahlreiche Programme unterstützen Verbraucher und Unternehmen, klimafreundlich zu handeln. Es gibt Förderprogramme, Bürgersolaranlagen und einen Umweltpreis. Große Akteure versuchen klimafreundich zu arbeiten. Der Energieversorger Eswe etwa spart jährlich 35 500 Tonnen Kohlendioxid ein, indem er die Fernwärme großteils in seine Biomasseheizkraftwerk erzeugt statt mit Erdgas. Zudem erbrachten 2015 die vielen Fotovoltaikanlagen auf den Dächern städtischer Liegenschaften 457 000 Kilowattstunden Strom. Und es sollen mehr werden.

Aber es ist nicht genug. Das belegt der Bericht zur Wiesbadener Klimabilanz 2017, der im Umweltausschuss präsentiert wurde. 2007 hatte sich die Stadt das Ziel gesetzt, bis 2020 den Gesamtenergieverbrauch im Stadtgebiet im Vergleich zu 1990 um 20 Prozent zu senken und den Anteil erneuerbarer Energien auf 20 Prozent anzuheben. Laut Bericht ist Wiesbaden meilenweit von diesem Ziel entfernt: Der Anteil der erneuerbaren Energien macht nur sieben Prozent aus, und beim Gesamtenergieverbrauch bewegt sich die Stadt sogar in die entgegengesetzte Richtung – er ist um sieben Prozent gewachsen.

Das liegt auch am Bevölkerungszuwachs; Wiesbaden hat etwa 25 Tausend mehr Einwohner als 1990. Allerdings verbrauchen die privaten Haushalte geringfügig (sieben Prozent) weniger Energie als damals. Auch im Verkehr wird durch den Einsatz neuer Treibstoffe etwas weniger Energie (acht Prozent) benötigt. Diese ohnehin zu geringen Einsparungen macht der Energiehunger der Wirtschaft vollends zunichte. Obwohl sie die Energie heute wesentlich effektiver nutzt, verbraucht sie 22 Prozent mehr als 1990 – nicht zuletzt, weil die Wirtschaft brummt. Dass der Anteil der erneuerbaren Energien gewachsen ist, ist vor allem dem Umstieg auf Biomasseverbrennung für die Fernwärme zu verdanken, bei der auch Strom produziert wird. Fotovoltaik und die Wasserkraft machen nur einen kleinen Teil aus.

„Das ist eine ernüchternde Bilanz“, stellte die Stadtverordnete Konny Küppers (Grüne) fest. Sie monierte, dass der mit vielen Grafiken versehene Bericht vor allem Zahlen, aber keine genaueren Verweise auf das verfehlte Klimaschutzziel enthalte. „Wir haben bewusst die Daten nicht bewertet“, verteidigte Umweltamtsleiterin Jutta-Maria Braun den Bericht. Politiker und Bevölkerung sollten sich selbst ein Bild machen.

„Die Landeshauptstadt gibt kein gutes Vorbild ab“, kommentiert Dirk Vielmeyer, Vorsitzender des Klimaschutzbeirates die Entwicklung. Die Wiesbadener Klimaschutzziele zu verfehlen, sei umso trauriger, als diese Ziele nur halb so ambitioniert wie die der Bundesregierung seien. Er mahnte den Umweltausschuss zu mehr Tempo im Klimaschutz an.

„Der Druck wird größer werden“, prognostiziert Vielmeyer. Er werde nicht mehr nur von den Schülern der „Friday for future“-Bewegung ausgehen, sondern auch von der Europäischen Union. Bis 2030 sollen die CO2-Emissionen laut Weltklimarat um 50 Prozent gesunken sein.

Wie die Wiesbadener Klimaschutzpolitik künftig gestaltet werden soll, will der Ausschuss in seiner nächsten Sitzung beraten. Bis dahin soll die Verwaltung auf Grünen-Initiative Vorschläge und die Kosten dafür vorlegen, um kurzfristig die Klimaschutzziele noch zu erreichen.

Klimaschutz

Wiesbaden ist seit 1995 Mitglied des Klimabündnisses der europäischen Städte mit indigenen Völkern der Regenwälder. Damit hat die Stadt sich verpflichtet, die CO2-Emissionen alle fünf Jahre um zehn Prozent zu reduzieren. Auch dieses Ziel wird nicht erreicht. 2030 soll die Halbierung des CO2-Ausstoßes erfolgen. Seit 2010 nimmt Wiesbaden an der Landeskampagne „Hessen aktiv: Die Klima-Kommunen“ teil.
Jeder Wiesbadener ist 2017 durchschnittlich für 10,1 Tonnen CO2-Ausstoß verantwortlich (1990: 12,3 Tonnen). Deutschlandweit sind es 11,0 Tonnen.
Der Bericht steht unter www.wiesbaden.de/leben-in-wiesbaden/umwelt/stadtklima/bedeutung-klimaschutzkonzept.php. (mre)

Das könnte Sie auch interessieren

Kommentare