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Kleingartenanlage Unter den Nussbäumen: Der Mangold wächst, wo er will

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Von: Madeleine Reckmann

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Meike Schwedes genießt entspannte Stunden in ihrem Kleingarten in der Kolonie 1 Unter den Nussbäumen. Michael Schick (2)
Meike Schwedes genießt entspannte Stunden in ihrem Kleingarten in der Kolonie 1 Unter den Nussbäumen. Michael Schick (2) © Michael Schick

Die Kleingartenanlage Unter den Nussbäumen will den Bundeswettbewerb „Gärten im Städtebau“ gewinnen.

Die wilde Möhre übersteht die Trockenheit dieses Sommers gut. Der Rasen im Schrebergarten von Sonia Endl ist stellenweise bräunlich, aber die wilde Möhre reckt ihre Köpfe zwanzig Zentimeter in die Höhe. Auch die Esparsette, die Spornblume und Flockenblume, die die 46-Jährige vor das Gartenhaus gesät hat, sind gegen die Dürre gewappnet. Ein Bienenstock steht unter den Obstbäumen, Altholzhaufen liegen herum, eine zwei Meter hohe Fenchelpflanze wird von Insekten umschwärmt.

Endls Kleingarten in der Anlage „Gartenfreunde unter den Nussbäumen“ am Konrad-Adenauer-Ring hat nicht mehr viel mit den althergebrachten Regeln von Schrebergärten zu tun. Offene Erde, wie sie früher in Gemüse- und Blumenbeeten üblich war, säuberlich von Beikräutern befreit, gibt es nicht. Auch Gemüsepflanzen in Reih und Glied sucht man vergebens. Tomaten, Zucchini und Kürbis stehen bei Sonia Endl versteckt zwischen Kräutern und Stauden. Das ist ein Grund, warum es die Anlage mit 21 anderen ins Finale des Bundeswettbewerbs „Gärten im Städtebau“ 2022 geschafft hat. Den zweiten Platz beim Landeswettbewerb unter „Stadtgrün trifft Ernteglück“ haben die Gartenfreunde aus Wiesbaden 2021 gewonnen, knapp hinter dem Kelkheimer Verein Krautgärten. Mit den Wettbewerben soll die ökologische Bedeutung der Kleingärten und ihr Beitrag für eine nachhaltige Lebensweise gewürdigt werden.

„Kleingärten haben ein enormes Potenzial für den Schutz von bedrohten Tier- und Pflanzenarten, wenn sie naturnah gepflegt werden“, sagt Corinna Hölzel, BUND-Pestizidexpertin und Jury-Mitglied. Grundsatz dafür sei, der Natur freien Raum zu lassen und in Kreisläufen zu denken. Endl lässt den Mangold aussamen, so dass sie im nächsten Jahr in den Gartenecken, die dem Mangold gefallen, das Gemüse ernten kann. Das Regenwasser, das auf die Gartenhütte fällt, fängt sie in großen Fässern auf, Spinnen und Käfer finden in der Steinmauer Lebensraum.

Geschichte

Das Gartengelände wurde 1922 angelegt und in Kleingärten aufgeteilt. Für 1924 sind 186 Kleingärten belegt. 1938 wurde das Gelände erweitert. 1969 gehörten 198 Kleingärten zur Anlage.

Die Vereinsgründung erfolgte 1971. Die Anlage gehörte fortan nicht mehr als Kolonie 8 zum Gartenverein Wiesbaden und Umgebung. Sie erhielt den Namen „Gartenfreunde unter den Nussbäumen“. mre

Endl ist von Beruf Einzelhandelskauffrau und hat sich bei der Akademie Gesundes Leben in Oberursel zur Kräuter-Erlebnispädagogin ausbilden lassen. Bei ihr gedeihen Quendel, Odermennig, Baldrian, Isop, Herzgespann und vieles mehr. Der Kornellkirschstrauch hängt voller Früchte, die Pflaumen versprechen eine reiche Ernte, Feige und Granatapfelbusch müssen noch wachsen, Wein rankt ums Gartenhaus. „Früher habe ich auch nackte Erde in meinem Garten gehabt“, erzählt Meike Schwedes einige Gärten weiter in der Kolonie I. Was habe sie sich geplagt, um die Beete frei zu halten. Inzwischen mulcht sie auch und pflanzt so viel, dass Beikräuter kaum noch Platz haben. Die Forsythie hat sie herausgerissen, weil sie den Insekten nichts nützt, und sie achtet auf insektenfreundliche Stauden. Sie hat einen Sandhaufen angelegt, damit sich dort seltene Spinnen und Käfer ansiedeln, die Baumscheiben bepflanzt – unter dem Apfelbaum blüht Pfirsichsalbei – und einen Weißdorn gesetzt, weil er von zahlreichen Vögelarten geliebt wird. Ihr Gemüse zieht sie zur besseren Übersichtlichkeit in Holzeinfassungen.

„Der Umdenkungsprozess hat vor Jahren begonnen“, erläutert Anette Hooss, Vorsitzende des Vereins Gartenfreunde. Noch immer sollten auf einem Drittel der Fläche Obst, Gemüse und Kräuter angebaut werden. Aber es werde heute empfohlen, die Erde mit Grünschnitt zu mulchen, damit sie nicht austrocknet. Außerdem sollen die Kleingärten ökologische Funktionen erfüllen, zur Artenvielfalt beitragen, frische und kühle Luft an die städtische Umgebung abgeben und bei Starkregen als Versickerungsfläche dienen. „Das ist der Grund für den geringen Pachtzins“, so Hooss. Der Stadt- und Kreisverband Wiesbaden der Kleingärten knüpfe die Pacht an Bedingungen. In der Anlage leben Spechte, Gartenbaumläufer, Drosseln, schwarze Holzbienen, Gartenschläfer und andere Tiere.

Für den Wettbewerb hat der Verein in der Kolonie V der Anlage eine Trockentoilette gebaut. Sie kommt ohne Wasser aus und liefert Kompost für Zierpflanzen. Im November sollen die Sieger bekanntgegeben werden. Ob die Gartenfreunde unter den Nussbäumen dabei sein werden? Wenn nicht – die etwas über 300 Quadratmeter großen Parzellen sind auch so reines Gartenglück.

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