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Klatsch, Tratsch und klare Worte

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Von: Silvia Bielert

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Gästeführerin Karin Hubert zeigt ihrem Kollegen Ralf Opitz die misslungenen Erler-Fresken im Muschelsaal des Kurhauses.
Gästeführerin Karin Hubert zeigt ihrem Kollegen Ralf Opitz die misslungenen Erler-Fresken im Muschelsaal des Kurhauses. © Michael Schick

Karin Hubert und Ralf Opitz gehören zu den rund 50 Gästeführern in Wiesbaden. Sie können viele interessante Anekdoten erzählen und schieben dabei ihren Zuhörern das Wissen quasi durch die Hintertür unter.

Karin Hubert und Ralf Opitz gehören zu den rund 50 Gästeführern in Wiesbaden. Sie können viele interessante Anekdoten erzählen und schieben dabei ihren Zuhörern das Wissen quasi durch die Hintertür unter.

Was denn, und das soll das Stadtschloss sein?“ Das Touristenpärchen steht vor dem Neubau des Landtags und wundert sich. Ralf Opitz, der gerade zufällig vorbeikommt, kann das nicht unkommentiert lassen. Kurzerhand nimmt er das Paar mit auf eine private Stadtführung. Vorbei an Marktkirche und Kurhaus hin zum Kochbrunnen erzählt er den beiden, was er so weiß über die Stadt und ihre Geschichte. Das war vor drei Jahren.

„Meine Frau hat damals zu mir gesagt: Das musst du öfter machen“, erzählt Opitz. Gesagt, getan: Seit 2011 führt der heute 64-Jährige ganz offiziell Touristen und Einheimische durch Wiesbaden, als Gästeführer für das städtische Marketing. Im März dieses Jahres wurde Opitz zum Vorsitzenden des Gästeführerverbandes gewählt. Opitz kennt Wiesbaden von Frauenstein bis Heßloch wie seine Westentasche. Als er ein kleiner Junge war, nahm ihn sein Opa oft mit, wenn er die Versicherungsprämie bar kassierte.

Opitz zeigt auf den Kindergarten neben der Marktkirche. „Da befand sich mal ein Mädchengymnasium“, sagt er. Der Arm schwingt auf das Gebäude schräg gegenüber, die alte Rheumaklinik: „Und dort war die Muckibude der Offiziere des Kaisers. Dort saßen sie an den Rudergeräten.“ So manch Techtelmechtel soll es gegeben haben. Natürlich war Opitz nicht dabei. Aber Klatsch und Tratsch, das mögen die Gäste.

Opitz ist in Rente – wie die meisten Gästeführer. Für diesen Job sollte man flexibel sein. Manche, vor allem die jüngeren, sind selbstständig, verdienen mit den Führungen ihren Lebensunterhalt. Die Ausbildung ist anspruchsvoll. „Das ist wie beim Nürnberger Trichter“, erzählt Opitz und lacht. Er habe sich damals eine Literaturliste beim „Tourismus-Papst“ Gottfried Kiesow besorgt. Das Schwierigste sei gewesen, die wichtigsten Informationen herauszusuchen und eigene Ideen für eine spannende Führung zu entwickeln.

Gästeführer-Kollegin Karin Hubert bietet zum Beispiel eine inszenierte Kostümführung mit einer anderen Gästeführerin an. Die 46-Jährige spielt dabei Lissy, eine waschechte Wiesbadenerin, die sich vor allem an ihrem „schee Städtsche“ erfreut. Die Amerikanerin Luzie aber kann dem „Geschnörksel“ an den historischen Bauten so gar nichts abgewinnen. Sie bevorzugt den gepflegten 50er-Jahre-Betonbau. Ihr liebster ist das ehemalige R+V-Hochhaus, das sich bedrohlich über dem historischen Fünfeck erhebt.

Maler war dem Kaiser suspekt

Karin Hubert hat nach ihrem Studium der Kunsthistorik lange als Reiseführerin in Italien gearbeitet. Mit italienischer Kunst kennt sie sich aus. Deswegen, oder trotzdem muss man fast sagen, ist der Muschelsaal im Kurhaus ihr Lieblingssaal. „Die Fresken von Fritz Erler hier sind grottenschlecht“, sagt sie und zeigt nach oben. „Das war einfach nicht seine Technik.“ Damit die Farben leuchten, hätte der Künstler sie dünn und auf frischen Putz auftragen müssen, danach die Tempera. „Die Herrschaften sind viel zu grün“, sagt Hubert, die Schattierung stimme nicht, die Malerei sei undetailliert.

Doch dass sich der Kaiser weigerte, den Muschelsaal zu betreten, hatte damit zu tun, dass Erler ein Maler des verpönten Jugendstils und dem Kaiser damit suspekt war. Im Casino selbst, erzählt Hubert beim Verlassen des Kurhauses, einem Nachfolger des Baus von 1810, hat sich Fjodor Dostojewski ruiniert. 3000 Goldrubel soll er hier verspielt haben. Anschließend schrieb er seine Novelle „Der Spieler“, die im fiktiven Roulettenburg spielt. Eindeutig Wiesbaden. Kein Zweifel, sagt Kollege Opitz.

Viele interessante Anekdoten zu erzählen, um dem Besucher das Wissen quasi durch die Hintertür unterzuschieben, ist nicht das einzige, was die Gästeführer beherrschen müssen. Sie sollen fit sein in Erste Hilfe und Fremdsprachen. Und ein paar wichtige Tipps hat Opitz auch noch parat für angehende Gästeführer: Erstens: Niemals in der Sonne stehen bleiben. Zweitens: Unbedingt Toilettengänge einplanen. Und drittens: „Wenn ich am Kochbrunnen ankomme, trinke ich immer zuerst. Damit die Gäste sehen, dass mich das Wasser nicht tötet.“

Karin Hubert und Ralf Opitz freuen sich besonders über einheimische Gäste: „Vieles sieht man nicht, obwohl man täglich daran vorbeiläuft“, sagen sie. Etwa das schwarze Pferd, das sich über dem Café Maldaner an der Hauswand befindet. Hier fand sich einst das Hotel „Zum schwarzen Rappen“.

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