1. Startseite
  2. Rhein-Main
  3. Wiesbaden

Klage wegen Wucher

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Ute Fiedler

Kommentare

Ein Dieb klaut einem Wiesbadener seinen Rucksack, inklusive Haustürschlüssel. Der Bestohlene ruft einen Schlüsseldienst. Der verlangt für seine Dienste 1350 Euro. Der Fall beschäftigt jetzt das Gericht.

Fast 1000 Euro soll ein Wiesbadener zahlen, als er eines Sonntagabends im vergangenen Jahr seine Wohnungstür aufbrechen lässt. R. begleicht die Rechnung zwar, doch in ihm gärt es. Ein Jahr später treffen er, der Geschäftsführer des Schlüsseldienstes und ein Mitarbeiter gestern am Wiesbadener Amtsgericht aufeinander. R. hat Klage eingereicht. Er will einen Teil des gezahlten Betrages erstattet bekommen. Die bezahlte Rechnung sei „wucherisch hoch“, sie sei sittenwidrig.

Es sollte ein erholsames Wochenende in der Stadt der Liebe werden. Mit Sightseeing, neuen Eindrücken. Doch dann wird dem Wiesbadener R. direkt vor einer Pariser Touristenattraktion der Rucksack gestohlen. In ihm unter anderem der Schlüsselbund. Noch in Paris sucht R. im Internet nach einem Schlüsseldienst, der in Wiesbaden ansässig ist, und Sonntagabend vor Ort sein kann. Dann, wenn R. zu Hause ankommt. Er wird fündig.

Gegen 2.30 Uhr ist seine Tür endlich offen und R. erleichtert. Doch dann sieht er die Rechnung: 1350 Euro soll er zahlen. Er habe nachverhandelt, sagt er vor Gericht. Am Ende kommt es zu einer „Sondervereinbarung“, wie es der Geschäftsführer des Schlüsseldienstes nennt. R. zahlt 900 Euro, per EC-Karte. Wenn er nicht zahle, habe der Mitarbeiter gedroht, das Schloss wieder auszubauen. Sein Anwalt Markus Rößler verwies gestern auf die besondere Situation. Sein Mandant sei ausgeliefert gewesen, er habe sich in einer Notlage befunden. Nur deswegen habe er die Rechnung beglichen.

Besonders aufwändig

Vor Gericht stritt der Geschäftsführer des Schlüsseldienstes ab, eine wucherische Rechnung ausgestellt zu haben. R.s Tür sei besonders gesichert. Es sei besonders aufwändig gewesen, sie zu öffnen, erläuterte er.

Das bestätigte auch sein Mitarbeiter, der an diesem Sonntag von Mitternacht an vor R.s Wohnung war und versuchte, sie zu öffnen. Als sein Chef nach zwei Stunden angerufen und gefragt habe, wo er denn bleibe, habe er gesagt, dass es noch länger dauere. Daraufhin war der Geschäftsführer selbst gegen 2 Uhr zu R.s Wohnung gekommen und hatte die Tür geöffnet.

Zudem habe R. darauf bestanden, dass er einen hochwertigen Zylinder einbaue, sagte der 27-jährige Mitarbeiter. Nachdem das erledigt gewesen sei und R. die Rechnung gesehen habe, habe er gesagt, dass ihm das zu teuer sei. So habe man den hochwertigen Zylinder wieder aus- und einen einfacheren eingebaut. Auch sei man später noch einmal zurückgefahren, als der Wohnungsinhaber gegen 3.30 Uhr noch einmal angerufen habe, weil die Tür klemmte. Das habe man ihm nicht in Rechnung gestellt.

Im Nachhinein stellte sich auch heraus, dass die Firma ihren Sitz nicht in Wiesbaden sondern in Gießen hat. In der Rechnung sollen laut einer Mitteilung des Amtsgerichts auch die „hohen Anfahrtskosten“ aufgeführt sein, was gestern jedoch nicht zur Sprache kam.

Zu einem Abschluss des Verfahrens kam es gestern ebenfalls nicht. Der Geschäftsführer des Schlüsseldienstes zeigte sich zu keinem Vergleich bereit. Auch das Angebot der Richterin, 200 Euro an R. zu zahlen, wies der Mann ab. Er habe seine Arbeit erledigt, sagte er.

Ein Gutachten soll nun Aufschluss darüber geben, wie teuer das Aufbrechen einer Tür ist. Sittenwidrig ist eine Rechnung dann, wenn der Betrag 100 Prozent über dem normalen Preis liegt.

Auch interessant

Kommentare