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Heidemarie Wieczorek-Zeul in der Ringkirche Wiesbaden.

Interview

„Die Kirchen waren meine Verbündeten“

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Heidemarie Wieczorek-Zeul über ihre Jubiläumspredigt in der Wiesbadener Ringkirche, Armut und Hoffnung für Afrika.

Die frühere Bundesministerin Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) predigt anlässlich des 125-jährigen Bestehens der Ringkirche am Reformationssonntag.

Frau Wieczorek-Zeul, als ehemalige Ministerin für Entwicklung und Zusammenarbeit stehen Sie für Themen mit weltweitem Kontext. Welchen Bezug haben Sie zur Kirche?
Ich habe mein Leben lang jedes Jahr mindestens eine Predigt in unterschiedlichen Kirchen gehalten. Ich habe tiefe christliche und sozialdemokratische Überzeugungen. Einige Kampagnen für „Brot für die Welt“ habe ich eröffnet und etwa in Bonn zu „Suche der Stadt Bestes“ gesprochen. Als ich mich 2004 im Namen Deutschlands in Namibia für den Völkermord an den Herero entschuldigte, habe ich bewusst christlich formuliert: Wir bitten im Sinne unseres gemeinsamen Vater Unser um Vergebung unserer Schuld.

Sie sind evangelisch?
Ich bin Mitglied der evangelischen Kirche und habe gerade in der Marienkirche in Frankfurt-Seckbach, wo ich aufgewachsen bin, meine Diamantene Konfirmation gefeiert. Das war sehr schön. Ich bin nie aus der Kirche ausgetreten, als das damals modern wurde. Meine Lieblingsgeschichte in der Bibel ist die Geschichte von der hartnäckigen Witwe im Lukas-Evangelium. Sie kämpft für Gerechtigkeit und hat Erfolg. Sie ist Vorbild für mutiges Handeln, Hartnäckigkeit, Frauenwiderstand und gegen Unrecht.

Was verbindet Sie mit der Ringkirche?
In meiner Zeit als Bundestagsabgeordnete und Ministerin konnte ich 2003 die Förderung der Bundesregierung für die Renovierungsarbeiten beim Denkmalschutz für die Ringkirche zusagen. Ich habe die Anfrage für die Festpredigt gerne angenommen. Ich gehöre selbst der Bergkirchengemeinde an und besuche auch gerne die Gottesdienste der Bergkirche, in der auch Martin Niemöller schon predigte.

Haben Sie sich schon ein Thema für die Predigt überlegt?
Der Anlass wird die Bibelstelle sein, in der Jesus zu den Sündern und Aussätzigen geht. Auch bei uns sind Menschen ausgegrenzt, die Armut in der Welt ist Ausgrenzung. Ich komme gerade von einer internationalen Konferenz zur Wiederauffüllung des Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria. Dieser Fonds hat in 17 Jahren 32 Millionen Menschen das Leben gerettet. Das ist unglaublich. Es ist so wichtig, dass man an diesen Themen dranbleibt.

Man gewinnt oft den Eindruck, dass es wenig Hoffnung für Fortschritte in Afrika gibt.
Das stimmt so nicht. Die Staaten, darunter auch afrikanische, und der Privatsektor, da vor allem Bill Gates, haben für drei Jahre 14 Milliarden US-Dollar bereitgestellt. In den Entscheidungsgremien des Globalen Fonds sitzen auch HIV/Aids-Betroffene, die heute mit Medikamenten gut leben können, weil der HI-Virus medikamentös unterdrückt wird. Auch Lesben und Transgender sind in den Gremien vertreten. Die Betroffenen erkennen, wie wichtig es ist, in ihren Ländern ein Gesundheitssystem aufzubauen. Das ist eine Zukunftsaufgabe. Ich verliere den Mut nicht. Diese Konferenz war ein Erfolg für die internationale Zusammenarbeit. In diesen Zeiten des Nationalismus spüren viele, dass man die Probleme nur gemeinsam lösen kann.

Zur Person

Heidemarie Wieczorek-Zeul (SPD) war von 1998 bis 2009 Bundesministerin für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung. In den 1970er Jahren war sie als erste Frau Vorsitzende der Jungsozialisten und als „Rote Heidi“ bekannt.

In den Rat für nachhaltige Entwicklung wurde sie 2016 berufen. Zudem ist die 76-Jährige Vizepräsidentin des Globalen Fonds Europa.

Anlässlich der Feiern zum 125-jährigen Bestehen der Ringkirche am Kaiser-Friedrich-Ring 7 hält sie dort die Festpredigt am Reformationssonntag, 3. November, um 10 Uhr.

Warum gelingt es der Entwicklungszusammenarbeit nicht, die Fluchtursachen zu bekämpfen?
Einen unmittelbaren Zusammenhang zwischen Entwicklungszusammenarbeit und dem Verhindern von Fluchtursachen gibt es nicht. Die Fluchtursachen werden unter anderem von Europa gemacht. Es geht um Fischereirechte, Agrarpolitik und Landgrabbing. Die strukturellen Ursachen müssten angepackt werden, aber es gibt organisierte Interessen, die dem entgegenstehen.

Es ist nicht zu verstehen, dass Politik die eigentlichen Ursachen nicht abschaffen kann.
Die Nachhaltigkeitsziele sind das am besten gehütete Geheimnis in Deutschland. Es sind 17 Regeln für die gerechte Gestaltung der Globalisierung, aber niemand kennt sie oder redet darüber.

Ihre Partei, die SPD, ist in der Regierung. Beschweren Sie sich dort?
Denen sage ich das auch. Ich hoffe, dass die Abgeordneten des Europa-Parlaments weiterhelfen.

Auch das Klimapaket von SPD und CDU wurde von Fachleuten als zu lasch kritisiert.
Der Rat für nachhaltige Entwicklung, dem ich angehöre, hat sich kritisch geäußert. Wenngleich ich verstehe, dass Leute mit geringem Einkommen nicht zurückgelassen werden dürfen.

Wie könnte es also vorangehen in Afrika?
Ich hoffe, dass es uns gelingt, ein Zukunftskonzept zu verwirklichen, eine Art Friedensabkommen zwischen der Europäischen Union und der Afrikanischen Union. Darin sollten Nachhaltigkeitsziele verankert und dauerhafte Gesprächskreise etabliert werden. Es geht um gemeinsame Interessen und Werte, Sicherheit, wirtschaftliche Zusammenarbeit, Klimaschutz, auch ein Erasmusprogramm für Afrika. Die Zusammenarbeit mit der Zivilgesellschaft muss weiterentwickelt werden. Weg von der Abwehr Afrika gegenüber und hin zur Zuwendung.

Sie setzen auf nichtstaatliche Organisationen anstatt auf Regierungen?
Die NGO’s und die Kirchen waren meine besten Verbündeten in der Entwicklungsarbeit, etwa als es um den Schuldenerlass ging. Brot für die Welt, Misereor haben sehr geholfen Die Nachhaltigkeitsziele werden nur erreicht, wenn Staaten und NGO’s zusammenarbeiten. Es gibt ja Erfolge, gravierende Verbesserung bei der Bekämpfung der Kindersterblichkeit und bei der Schulbildung. Aber nichts ist für ewig errungen. Wir müssen dranbleiben.

Interview: Madeleine Reckmann

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