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Aus der Kirche geworfen

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Von: Christina Franzisket

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Gemeinde ohne Kirche, Kirche ohne Gemeinde.
Gemeinde ohne Kirche, Kirche ohne Gemeinde. © Michael Schick

Die englische Gemeinde wird in Wiesbaden aus ihrer Kirche geschmissen und das Gotteshaus an seinen Besitzer, dem Bischof von London, zurückgegeben. Als Grund wird die Baufälligkeit des Gebäudes genannt. Doch tatsächlich geht es um ganz irdische Querelen.

Die englische Gemeinde wird aus ihrer eigenen Kirche vertrieben. Laut einer Mitteilung der europäischen episcopalen Kirche, dem amerikanischen Ableger der anglikanischen Kirche, wird das Kirchengebäude in der Frankfurter Straße ihrem Besitzer, dem Bischof von London, Richard Chartres, zurückgegeben. Als Grund wird die Baufälligkeit des Gebäudes genannt.

Den rund 220 Gemeindemitgliedern wurde am 24. Januar, mitgeteilt, dass sie nur noch bis Mitte Februar ihre Kirche besuchen dürften, dann würden die Schlösser ausgetauscht. Das bestätigte Philip Selkirk, Mitglied des Gemeindevorstands: „Wir sind schockiert“, sagt er. „Unsere Kirche ist nicht baufällig.“

Was die Gemeinde schockiert, ist für Außenstehende verwirrend: Die Wiesbadener Church St. Augustine of Canterbury ist seit ihrer Erbauung im Jahr 1865, mit wenigen historisch bedingten Unterbrechungen, im Besitz der anglikanische Kirche – sprich: der Königin von England. Der Bischof von London ist sozusagen ihr Verwalter. Seit Ende des zweiten Weltkriegs ist die Kirche unter dem direkten Einfluss des amerikanischen Ablegers der anglikanischen Kirche, die sich „episcopale Kirche“ nennt.

Laut Gemeindemitgliedern gebe es heute zwischen dem Vertreter der episcopalen Kirche in Europa, dem Bischof Pierre Walon, der seinen Sitz in Paris, hat und dem Bischof von London eine Abmachung, dass die Mitglieder der anglikanische-episcopalen Gemeinde in Wiesbaden, die Walon untersteht, die Kirche in der Frankfurter Straße mietfrei nutzen darf. Für Reparaturen müsse die Gemeinde jedoch selbst aufkommen.

Priester Misstrauen ausgesprochen

Auf Anfrage der FR bei der europäischen, episcoplaen Kirche in Paris, erläutert die Pressesprecherin Jere Skipper, man habe bereits sehr viel Geld in das Gebäude investiert, obwohl es dem Bischof von London gehöre. Nun stünden jedoch in Zukunft größere Investitionen an, zum Beispiel die Erneuerung des Daches. Man sei nicht mehr bereit, diese zu tätigen , so Skipper.

Selkirk vom Gemeindevorstand glaubt jedoch kein Wort der Begründung:„ Die Kirche ist erst 1966 nach einem Brand wieder aufgebaut worden“, sagt er. „Ein Experte hat uns erst vergangene Woche erklärt dass das Dach in den nächsten zehn Jahren nicht erneuert werden müsse.“ Die Heizung funktioniere auch einwandfrei: Er und einige andere Gemeindemitglieder vermuten einen „emotionalen Racheakt“ des Bischofs Walon hinter ihrer Verbannung aus der Kirche. Das Motiv liefert Selkirk dazu: „Die Gemeinde hat dem von Walon eingesetzten Priester Tony Litwinski das Misstrauen ausgesprochen.“

Drei Jahre lang war der Amerikaner Litwinski Pfarrer der englischen St Augustine Gemeinde, am Sonntag gab er seinen letzten Gottesdienst. Laut seinem Studienkollegen, Stadtpfarrer Jeffrey Myers, ginge der 66-jährige Litwinski in Rente. Selkirk jedoch berichtet von einer Petition gegen den Priester, die 80 Prozent der Gemeindemitglieder unterzeichnet hätten. Litwinski hätte laut Selkirk gegen die „theologischen und ideologischen“ Vorstellungen der St Augustine Gemeinde gehandelt, außerdem habe er „massiv“ finanzielles Missmanagement betrieben. Gemeindemitglied Reiner Merkel spricht gar davon, Litwinski habe versucht die Gemeinde, die sich hauptsächlich aus Briten, Amerikanern und Deutschen zusammensetzt, zu spalten. Aufgrund der massiven Kritik an Litwinski hatte Walon ihn aus Wiesbaden ab gezogen. Pfarrer Litwinski wollte sich auf Anfrage der FR nicht öffentlich äußern.

Bischof von London reagiert nicht

Die epsicopale Kirche teilte mit, man sei bezüglich künftiger Räume für die Gemeinde im Gespräch mit der Alt Katholischen Gemeinde Wiesbaden. Der Pfarrer der Alt Katholischen Gemeinde, Klaus Rudershausen, bestätigte dies der FR: „Wir werden der englischen Gemeinde wohl vorübergehend sonntags etwas Zeit in der Friedenskirche zur Verfügung stellen“, sagte er.

Selkirk freute sich zwar über die Großzügigkeit der Alt-Katholischen Gemeinde, jedoch sehe er ein Problem darin, dass die englische Kirche anders als die Alt-Katholische keine Kirchensteuern nehme: „Dann belegen wir ein Gotteshaus auf Kosten der Steuerzahler“, sagte er. Es sei ein „diabolischer Akt“ von Bischof Walon, die Gemeinde mit dieser kurzen Frist vor die Tür zu setzen.

Die Antwort des städtischen Bauamts auf die Frage nach dem tatsächlichen baulichen Zustand der Kirche, erreichte die FR bis Redaktionsschluss nicht. Auch der Bischof von London reagierte bisher nicht auf die Frage nach der Zukunft der Kirche in Wiesbaden.

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