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Kein Zähnchen darf kaputt sein

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Händler begutachten die Briefmarken vor der Auktion.
Händler begutachten die Briefmarken vor der Auktion. © FR/Schick

Der Wiesbadener Briefmarken-Sammler-Verein wird 125 Jahre alt. Er ist zwar der größte in Hessen, doch beim Nachwuchs hapert´s. Von Matthias Klein

Von Matthias Klein

Auf ein Leinensäckchen ist Manfred Blos besonders stolz. Ein wenig unscheinbar sieht es aus, ist aber geschichtsträchtig. Im Jahr 1902 schickte darin ein Händler Rosinen und Mandeln von Jerusalem nach Cleveland in den USA. Zwei kleine rote Briefmarken der Post aus Kreta kleben direkt auf dem Säckchen. "Das ist natürlich ein absolutes Sammlerstück, eine richtige Besonderheit", sagt Blos strahlend. Auf einer Börse in Frankfurt stieß er auf die Rarität, zahlte damals 100 Mark.

Schon seit 50 Jahren hat sich Blos den Briefmarken verschrieben. Wie viele er mittlerweile zusammengetragen hat? "Ach Gott", sagt der Polizist und hebt lachend die Hände. Das könne er gar nicht sagen. Einen ganzen Schrank füllt seine Sammlung. Seit vielen Jahren ist er Mitglied im Wiesbadener Briefmarken-Sammler-Verein, der in diesen Tagen 125 Jahre alt wird. Offiziell gründeten Philatelisten den Verein im Mai 1885 zunächst als Wiesbadener Sektion des "Internationalen Philatelisten-Vereins Dresden".

Blos stieß dazu, weil er eine Gelegenheit zum Tauschen der Marken suchte. Mit rund 160 Mitgliedern ist der Verein nach eigenen Angaben der größte in Hessen. Zwei Mal im Monat kommen die Briefmarkenliebhaber zum Tauschen zusammen. Ein bisschen geht es da zu wie früher auf dem Schulhof: An langen Tischen sitzen die fast ausschließlich älteren männlichen Sammler - und verhandeln. "Natürlich wird hier auch gefeilscht", berichtet Blos, der zweiter Vorsitzender des Vereins ist. Auf den Tischen haben die Philatelisten ihre Alben und Kataloge ausgebreitet. Sie unterhalten sich leise, manche gehen suchend von Tisch zu Tisch.

Viele haben kleine Koffer oder große Aktentaschen dabei. Am Tisch ganz rechts schaut sich ein älterer Herr gerade konzentriert blaue Briefmarken aus der französischen Besatzungszone von 1946 an. Andächtig blättert er die Seite eines Albums um.

Jugendliche sucht man an diesem Abend vergeblich. Ein paar junge Mitglieder habe der Verein schon, aber deutlich weniger als früher, berichtet Peter Heck, der Vorsitzende. Zwar kosten schöne und seltene Marken leicht ein kleines Vermögen, daran liege das Nachwuchsproblem aber nicht: "Auch mit kleinem Geld kann man tolle Sammlungen erstellen", sagt Heck. "Nicht mehr so reizvoll wie früher ist aber das Sammeln der täglichen Alltagspost: Viele Marken sind Aufkleber - und sehen außerdem immer gleich aus."

Die allermeisten Briefmarken-Enthusiasten haben sich ganz einem Schwerpunkt verschrieben - einer bestimmten Epoche etwa oder einem Motiv. Manche suchen nach Marken aus der Schweiz oder den Niederlanden, andere nach welchen mit Elefanten- oder Fußballbildern. "Ich bin der Exot hier", sagt Bernfried Giebel lachend. Die Südsee ist sein Gebiet, Marken von den Weihnachtsinseln sind sein ganzer Stolz.

In der Hand hält er eine große und sehr bunte Marke. Im Internet, auf Auktionen oder bei professionellen Händlern geht Giebel auf die Suche: "Durch mein Hobby habe ich Kontakte in die ganze Welt." Die Philatelisten interessieren sich eben nicht nur für die Marken, sondern meist auch für die Geschichten dahinter. "Die historischen Aspekte sind sehr interessant", berichtet Thomas Lippert, der begeistert Stücke aus den deutschen Gebieten von 1914 bis 1920 sammelt. Ob Postrouten, Stempelformen oder Portobe-stimmungen - die kleinen bunten Papierstücke erzählen manchmal viel. So wie ein Brief von 1833; von Constantinopel nach Wien ging das wenig auffällige Stück. Aber damals wütete gerade die Cholera - der Brief wurde deshalb zur Desinfektion geräuchert. "Ein solches Zeitdokument in den Händen zu halten, fasziniert mich", sagt Manfred Blos.

Das Vereinsjubiläum feiern die Philatelisten mit einer großen Ausstellung im Schloss Biebrich im Oktober. Die Sammler dort werden wohl auch wieder ganz besonders auf den Zustand der Marken achten. "Am wichtigsten ist die Qualität", berichtet Blos. "Die Briefmarken müssen perfekt erhalten sein. Wenn auch nur ein Zähnchen kaputt ist, sind sie für uns nicht interessant."

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